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Kein bisschen langsam
Stefica Gajic, Sie sind ein Phänomen in der Runningszene mit unzähligen Siegen bei Volksläufen und nationalen wie internationalen Meisterschaften - und dies seit vielen Jahren. Führen Sie eigentlich Buch über Ihr Palmares?
Am Anfang meiner Laufkarriere sammelte ich alle Ranglisten und Zeitungsberichte und legte damit Ordner an. Als es zuviele wurden und es am Platz und der Zeit mangelte, hörte ich auf. Heute führt einer meiner Laufclubs, die LR Wohlen, die ganze Statistik und Laufbilanz, worum ich sehr dankbar bin. Eigentlich sind mir Statistiken aber nicht wichtig. Ehrlich gesagt, ich gewinne gerne, aber im Vordergrund steht immer der Gedanke, dass ich einfach mein Bestes geben will.
Sie kamen als junge Frau aus Kroatien in die Schweiz und haben stets Wert auf berufliches Vorwärtskommen gelegt und entsprechend voll gearbeitet. Mit welcher Motivation sind Sie mit 40 Jahren in den Laufsport eingestiegen?
Alles hat mit einem Volkslauf angefangen, den mein damaliger Arbeitgegeber organisiert hat. Ich habe sofort gemerkt, das dies mein Sport ist. Mein Chef meinte, ich könnte noch besser werden, wenn ich trainieren würde. Das war im Sommer. Ich nahm mir vor, ein halbes Jahr zu trainieren und dann Ende Jahr den Gippinger Stauseelauf zu absolvieren. Meine Arbeitskollegen dachten, ich hätte ein Problem, weil ich täglich über den Mittag laufen ging. Ich dagegen spürte wie gut mir das Laufen physisch und psychisch tat. Meine Arbeitskollegen sassen nachmittags müde vor ihren Computern während ich nach dem Laufen fit war für den ganzen Nachmittag.
Wie ist es Ihnen bei Ihrem ersten Wettkampf ergangen?
Ich war sehr nervös vor meinem ersten Lauf. Mein Mann ging an diesem Tag skifahren. Als er sah wie nervös ich war, meinte er, es wäre besser, ich käme mit zum Skifahren, eine vierzigjährige Frau habe an einem Lauf-Wettkampf nichts verloren. Das motivierte mich ungemein. Ich wollte beweisen, dass ich es schaffen werde. Am Schluss reichte es für den vierten oder fünften Platz, genau weiss ich es nicht mehr. Das gute Resultat und der Unglaube meines Mannes haben mich motiviert, weiter zu trainieren. Im darauffolgenden Frühling kamen die ersten Siege.
Ein Beispiel für Ihre herausragenden Leistungen sind die 1:26.53, mit denen Sie bei den diesjährigen Masters Europameisterschaften einen neuen W60 Europarekord im Halbmarathon erzielten. Für eine solche Leistung braucht es neben der Freude am Laufen auch viel Biss und Training – wie sieht Ihr Trainingsprogramm aus?
Ich habe mit den Jahren ein Gefühl für meinen Körper entwickelt und spüre, was mir gut tut. Ich weiss aber auch, dass nur angemessene Reize in Form von Intervallen eine Leistungsverbesserung zu Folge haben. Daher wechsle ich bewusst zwischen Phasen grösserer Belastung und lockerer Entspannung. Ich laufe aber täglich und einmal in der Woche trainiere ich auf der Bahn.
Können Sie uns ein Beispiel nennen für eine Trainingseinheit, die Sie auf der Bahn absolvieren?
Ich laufe zum Beispiel zuerst 4 x 1000 m, dann 4 x 800 m und zum Schluss 4 x 400 m. Mit gesteigertem Tempo und natürlich stets mit Trabpausen dazwischen. Meine besten Trainingseinheiten sind aber die Wettkämpfe.
Sie haben bei internationalen Meisterschaften bis heute viele Medaillen für die Schweiz gewonnen. Trotzdem sind Sie bei einer breiteren Öffentlichkeit eigentlich nicht bekannt. Mag Sie das?
Bekannt zu sein ist schön, aber nicht das wichtigste. Was zählt ist, dass ich durch den Sport viele Freunde gefunden habe, die Schweiz und die Welt kennengelernt und wunderschöne Landschaften gesehen habe. Und es gibt auch mal eine Wertschätzung von aussen wie etwa die Ehrung an einer Gemeindeversammlung.
Auf nationaler Ebene sind Sie als W60 Läuferin derart überlegen, dass Sie bereits gewonnen haben, wenn Sie am Start stehen. Gibt es daraus negative Reaktionen Ihrer Gegnerinnen?
Mir kommt nichts Negatives zu Ohren. Meine Erfahrung ist, dass Sportler die Leistung der anderen anerkennen.
Zusätzlich zu den Kategoriensiegen erlaufen Sie bis heute auch Tagessiege. Wie fühlt es sich an, mit Frauen auf dem Podest zu stehen, die ihre Töchter oder gar ihre Enkelinnen sein könnten?
Es fühlt sich gut an, in meinem Alter noch Tagessiege zu erreichen. Es zeigt, dass die Leistungen mit gezieltem Training auch im Alter verbessert werden können. Mein Mann, der einige Jahre nach meinem Einstieg ebenfalls mit dem Laufen angefangen hat, ist heute stolz und mein grösster Fan.
Gibt es ungewöhnliche Erlebnisse im Zusammenhang mit Ihrer Leistungsstärke als W60 Läuferin?
Kürzlich wurde ich bei einem kleineren Lauf als Tagessiegerin "vergessen", da der Verantwortliche für die Erstellung der Rangliste nicht bei den Zeiten der W60 Frauen nachgeschaut hatte. Die vermeintlich jüngere Tagessiegerin hat das Missverständnis aber sofort von sich aus korrigieren lassen.
Die Konstanz Ihrer Leistungen spricht dafür, dass Sie vieles richtig machen. Geben Sie etwas von Ihrer grossen Erfahrung in einer offiziellen Funktion weiter?
Das schönste für mich ist, wenn ich jemanden animieren kann, mit dem Laufen anzufangen. Ich bin ausgebildete Nordic Walking und Running Leiterin und habe kostenlos mehrere Kurse gegeben. Zudem werde ich hin und wieder von Läufern und Läuferinnen angesprochen und nach Tipps gefragt. Es ist kein Geheimnis, wie ich trainiere und mich ernähre. Ich gebe es gerne weiter und versuche in allem, was ich mache, eine vorbildliche Sportlerin zu sein.
Stefica Gajic, was ist heute, mehr als zwanzig Jahren nach dem Einstieg, Ihr Motor fürs Weiterlaufen auf hohem Niveau?
Das Laufen erfüllt mich und gibt mir alles. Was ich während eines Wettkampfes anwende wie etwa Konzentration, Atemtechnik und Lockerheit brauche ich auch sonst im Leben. Ich bin eine Kämpferin und leide auch mal gerne für etwas. Manchmal komme ich während eines langen Laufes in einen Rauschzustand und fühle mich leicht wie eine Feder. Ich überhole und fliege, fliege und überhole. Nach solchen Momenten kann man süchtig werden. Solche Momente kann man mit Mentaltrainig beim nächsten Lauf abrufen und als Hilfe benützen. Der Zieleinlauf ist die Erlösung und ein Glücksgefühl.
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