European Championships Switzerland: Nach der Enttäuschung folgt der Blick nach vorne
Christoph Seiler (Photo: Sandro Anderes / Swiss Athletics)

European Championships Switzerland: Nach der Enttäuschung folgt der Blick nach vorne

swa

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Letzte Woche gab der Verein European Championships 2030 bekannt, dass die Kandidatur für eine Durchführung eines Multisport-Events inklusive Leichtathletik-EM im Jahr 2030 nicht weiterverfolgt wird. Stattdessen wird der Fokus auf eine Durchführung im Jahr 2034 gelegt. Swiss-Athletics-Präsident Christoph Seiler, einer der Treiber der Schweizer Kandidatur und Vorstandsmitglied des Vereins European Championships 2030, äussert sich im Interview über den Entscheid, seine Enttäuschung und die Perspektiven für 2034.

Christoph, die European Championships 2030 waren ein Herzensprojekt von dir, für das du dich wie kaum jemand anderes engagiert hast. Wie gross ist die Enttäuschung über den Entscheid? 
Die Enttäuschung ist sehr gross, zumal ich überzeugt bin, dass ein Sommer-Multisport-Anlass mit rund einem Dutzend Europameisterschaften unter einem gemeinsamen «Dach» hervorragend in die Schweiz passen würde. Die 13 Sportarten, die Teil des Projekts sind, vereinen in 13 Sportverbänden über 1 Million Mitglieder. Kein anderes Grossevent-Projekt in der Schweiz kann auf eine derart breite Basis zählen – nicht einmal Olympische und Paralympische Winterspiele. Es ist daher vorerst eine verpasste Chance für den Schweizer Sport und natürlich auch für die Leichtathletik. Aber wir sind Sportler, wir geben nicht so schnell auf.

Warum hat es für die Austragung im Jahr 2030 nicht geklappt? 
Wir mussten in den letzten Wochen erkennen, dass angesichts der angespannten finanziellen Lage des Bundes, unter anderem bedingt durch die geopolitische Situation, die nötige Unterstützung der öffentlichen Hand für die European Championships 2030 nicht realistisch und mehrheitsfähig ist. Ausschlaggebend war der Beschuss des Bundesrats, wonach er die nötigen finanziellen Mittel für die European Championships 2030 nicht bereitstellen wird. Gespräche mit Parlamentariern aus allen politischen Lagern haben gezeigt, dass es für 2030 kaum Aussichten gibt, diesen Entscheid über den parlamentarischen Weg umzustossen. Wir sind aber durchaus auch selbstkritisch: Es ist uns zu wenig gelungen, das noch unbekannte Format eines europäischen Sommer-Multisport-Events gerade bei den Entscheidungsträgern aus der Politik genügend bekanntzumachen.

Es gab Kritiker, die dem Projekt auch aufgrund der Kurzfristigkeit stets wenig Chancen eingeräumt haben. War dieser Ausgang vorhersehbar? 
Es war von Anfang an ein sehr ambitioniertes Projekt. Doch wer im Sport Niederlagen scheut, wird nie etwas gewinnen! Wir haben etwas gewagt und dabei das Ziel nicht im ersten Anlauf erreicht. Die Gespräche mit den politischen Entscheidungsträgern sind in Bezug auf 2034 sehr ermutigend – für 2030 hat letztlich das Timing nicht gestimmt, vor allem aus Gründen, die wir nicht beeinflussen konnten. Gleichzeitig haben wir nun die Möglichkeit, weiter zu optimieren, die nötigen Konsequenzen zu ziehen, um unser Ziel beim nächsten Anlauf zu erreichen.

Blicken wir nach vorne. Der Fokus liegt jetzt auf einer Durchführung im Jahr 2034. Was heisst das konkret? 
Wir verfügen nun über eine vielversprechende Basis, auf der wir aufbauen können. Wir können Fomat und Strukturen des Events überprüfen und die Zeit nutzen, um die öffentliche Finanzierung mit genügend Vorlauf aufzugleisen. Wir haben dabei die Möglichkeit, einen Sommer-Multisport-Anlass in das Programm «Sport- und Bewegungsförderung 2040» und die dazugehörende Grossanlass-Strategie des Bundes einzubetten.

Warum bewirbt sich Swiss Athletics eigentlich nicht für eine «Stand-alone»-EM? 
Es ist meine persönliche Überzeugung, dass ein Multisport-Anlass mit der Leichtathletik als Leuchtturm speziell in der Schweiz hoch attraktiv ist. Mit einer gemeinsamen Mitgliederbasis von über 1 Million Menschen kann so ein Anlass im gesamten Schweizer Sport Akzente setzen. Grosse Sportarten wie die Leichtathletik oder das Turnen werden genauso profitieren wie kleinere Sportarten, welche ohne Multisport-Anlass selbst eine EM praktisch unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit durchführen würden.

Unter der neuen Ausgangslage, mit einem grösseren Zeithorizont ist es aber selbstverständlich unsere Aufgabe, sämtliche Optionen zu prüfen. Klares Ziel von Swiss Athletics ist es, die Leichtathletik-EM wieder in die Schweiz zu holen, um unserer Sportart zusätzliche Impulse zu verleihen. Aktuell bin ich der Ansicht, dass dies in einem Multisport-Format am ehesten gelingen wird.

Die Entscheidung rund um die European Championships 2030 war zwar ein Rückschlag, ansonsten hast du als Präsident von Swiss Athletics aber aktuell gerade viel Grund zur Freude. Wie nimmst du die aktuellen Erfolge wahr? 
Mit riesiger Freude und im vollen Bewusstsein, dass die aktuellen Leistungen alles andere als selbstverständlich sind. Wir haben in den letzten Wochen gleich auf mehreren Ebenen noch mal eine neue Stufe erreicht und historische Erfolge wie den «Doppelsieg» von Simon Ehammer und Annik Kälin in Götzis erlebt. In vier olympischen Disziplinen liegt eine Schweizerin oder ein Schweizer an der Spitze der Jahresweltbestenliste. Audrey Werro gehört weltweit derzeit zu den ganz grossen Figuren. Gleiches gilt für Simon Ehammer, der schon zwei Mal in diesem Jahr von World Athletics zum «Athlete of the Month» gewählt worden ist. Und auch unsere Berg- und Trailläuferinnen und -läufer überzeugten mit acht Medaillen an der EM in Kamnik.

Ich habe die letzten Wochen sehr viele positive, ja begeisterte Reaktionen aus dem Ausland erhalten. Es ist ein Privileg, in dieser Phase Präsident von Swiss Athletics zu sein. Es ist eine grosse Motivation, mich dafür einzusetzen, damit uns auch die nächsten Generationen an Athletinnen und Athleten mit derartigen Resultaten verwöhnen werden. Ein EM-Projekt in der Schweiz kann dafür ein wichtiges Element sein, das hat Zürich 2014 vorbildlich vorgemacht.

 

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