Geschichte
Gegründet am 4. Dezember 1971, feierte der Schweizerische Leichtathletik-Verband 2021 sein 50-Jahr-Jubiläum. Dieses besondere Jubiläum haben wir genutzt, um die «Swiss Athletics History Makers» – die Heldinnen und Helden der Leichtathletik in und ausserhalb der Stadien – der vergangenen fünf Dekaden hochleben zu lassen.
Unsere Jubiläumsvideoserie nimmt dich mit auf eine visuelle Reise durch die ersten 50 Jahre von Swiss Athletics.
Tauche ein in unvergessliche Momente, packende Leistungen und inspirierende Persönlichkeiten
Wir sind stolz, dass die Erfolgsgeschichte der Schweizer Leichtathletik auch heute noch weitergeschrieben wird und freuen uns auf die nächsten Kapitel voller unvergesslicher Momente.
Der lange Weg zum Einheitsverband
Der Schweizerische Leichtathletik-Verband wurde am 4. Dezember 1971 gegründet. Davor hatten sich «Fussballerleichtathleten» und «Turnerleichtathleten» um die nationale Gunst der ältesten olympischen Sportart gestritten.
Leichtathletische Wettkämpfe gab es schon immer. Seit der Antike, um genau zu sein. An den 18. Olympischen Spiele im Jahre 708 vor Christus bildete der Pentathlon (Fünfkampf) einen der Hauptwettbewerbe, bestehend aus einem Stadionlauf über 192 Meter, Weitsprung, Speer- und Diskuswurf sowie einem Ringkampf. Laufen, Springen, Werfen (und Ringen) darf man demnach als «olympische Urdisziplinen» bezeichnen. Die klassische Leichtathletik – als Unterscheidung zur Schwerathletik (Gewichtheben, Tauziehen, Schwingen und andere Kampfsportarten) – kam mit dem modernen Sport und der olympischen Bewegung der Neuzeit Ende des 19. Jahrhunderts wieder auf. Sie ist ein Phänomen der Industrialisierung, wo das Messbare und Exakte, die Leistung und Konkurrenz, ja der Rekord in den Vordergrund rückten. Und wie die Industrialisierung fasste der Sport erst in England Fuss, ehe er sich seinen Weg via Frankreich in die Romandie – mit Zentrum in Genf – bahnte und die bestehende Turnbewegung in der Deutschschweiz zu bedrängen begann.
ELAV versus SALV
Während Fussballclubs wie der Servette FC, FC Lugano, FC Zürich oder der FC Old Boys Basel die Leichtathletik in ihr Trainingsprogramm integrierten und entsprechende Abteilungen (LC, LAC) ins Leben riefen, fand die im Nationalen verwurzelte Athletik bei den Turnern Anklang. Letztere taten die beliebten Bewegungsformen Laufen, Springen und Werfen despektierlich als «volkstümliche Übungen» ab. Dies als Abgrenzung zum kunstvoll betriebenen Geräte- und Kunstturnen. Die beiden unterschiedlichen Philosophien führten nicht nur zu zwei getrennten Lagern, sondern auch zu zwei verschiedenen Verbänden, welche die Hoheit für die Sportart Leichtathletik auf nationaler Ebene für sich in Anspruch nahmen: Auf der einen Seite stand der 1924 gegründete Eidgenössische Leichtathleten-Verband (ELAV) als Unterverband des Schweizerischen Turnverbands (ETV/STV), auf der anderen der Schweizerische Amateur-Leichtathletik-Verband (SALV), 1949 entstanden als Unterverband des Schweizerischen Fussball- und Athletik-Verbands (SFAV/SFV).
Die zwei Verbände waren zwar durch eine Zwischenverbandskommission miteinander verbunden, Einigkeit herrschte indes selten. Der Zwist ging so weit, dass stets zwei Kaderlisten bestanden, jene der «Fussballerleichtathleten» und jene der «Turnerleichtathleten». Obwohl der ELAV dank seiner breiten Basis von Leichtathletik treibenden Turnvereinen (BTV, KTV, SATUS, STV, TV) deutlich mehr Mitglieder zählte, machte der SALV insofern einen grösseren Einfluss geltend, als sein Vorgänger, der 1905 gegründete Athletik-Ausschuss der Swiss Football Association (SFV), seit 1913 alleiniger Schweizer Ansprechpartner beim Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) war. Das hatte zur Folge, dass ausschliesslich Leichtathletik-Clubs aus dem Fussballerlager internationale Länderkämpfe und nationale Meisterschaften organisieren durften.
Der «Fall Scheurer»
Den Tiefpunkt im Verbandskrieg markierte der «Fall Scheurer». Der an Heiligabend 1917 geborene Armin Scheurer wurde 1952 zum Nicht-Amateur erklärt und lebenslang gesperrt, weil er als ELAV-Athlet und Nationalliga-Fussballer gegen die Amateurbestimmungen der International Amateur Athletics Federation (IAAF) verstossen hatte – und damit gegen jene des Schweizerischen Amateur-Leichtathletik-Verbands (SALV). Nun war der Solothurner Abwart der Magglinger Sportanlagen nicht irgendjemand, sondern 15-facher Schweizer Meister im Zehnkampf (6 Mal), Stabhochsprung (6 Mal), Drei- und Weitsprung (2 Mal/1 Mal), 1947 und 1951 Sieger des eidgenössischen Turnfests sowie 1950 erster Schweizer Sportler des Jahres. Der Vertreter des BTV Biel machte keinen Hehl daraus, als Schweizer Meister mit dem FC Biel (1947) – und Mitglied des Schweizerischen Fussball- und Athletik-Verbands – regelmässig Spielprämien bezogen zu haben (durchschnittlich 30 Franken pro Match). Nach dem Rücktritt und der späteren Rehabilitation wurde der eidgenössisch diplomierte Sportlehrer erster Mehrkampf-Nationaltrainer beim SLV, gefolgt vom jungen Hansruedi Kunz (LC Turicum), der das Amt bis 2020 fortführen sollte.
20 Jahre bis zur «Leichtathletik-Union»
Doch zurück ins Jahr 1952, zurück zum SLV-Vorgänger SALV. Dieser initiierte noch im gleichen Jahr das «Projekt für eine schweizerische Leichtathletik-Union». Ziel war die Gründung eines «einzigen schweizerischen Leichtathletik-Fachverbandes». Aus dem Motto «Getrennt marschieren, vereint schlagen» sollte an der Seite des ELAV ein gemeinsames Marschieren werden. Doch die Idee eines Einheitsverbandes versandete wieder. Fast zehn Jahre lang fanden die beiden Streithähne nur im Rahmen der Interverbandskommission für Leichtathletik (IKL) einen gemeinsamen Nenner, ehe der Vorort Basel 1960 abermals einen Anlauf nahm. In unzähligen Verhandlungen schufen die beiden grössten und wichtigsten Leichtathletik-Player das Konzept für den Schweizerischen Leichtathletik-Verband.
Mit der Loslösung des SALV 1966 vom Fussballverband war der Weg frei. SALV-Präsident Jean Frauenlob hielt in seinem Jahresbericht von 1968 vorausschauend fest: «Die Zeit der omnisportiven Verbände ist endgültig vorbei. Jede Sportart muss ihren eigenen unabhängigen Fachverband haben. Nur durch Zusammenschlüsse, rationelleres Arbeiten, einheitliches Denken, Zusammenlegung der finanziellen Mittel und der Kader ist es möglich, den Spitzensport zu fördern und den Anschluss an die internationale Spitze wieder herzustellen.»
Drei Jahre später war es so weit: Dem Beschluss der Delegiertenversammlung folgend, lösten sich die beiden bisherigen Verbände SALV und ELAV am 4. Dezember 1971 auf. Ab diesem Tag sollte es nur noch einen Leichtathletik-Verband geben. Aus «Fussballerleichtathleten» und «Turnerleichtathleten» wurden «Leichtathleten» – mit einer einheitlichen Lizenz, einheitlichen Meisterschaften, einheitlichen Kadern und einer einheitlichen Förderung. «Der kleine Knirps SLV wird noch genügend Kapriolen schaffen, bis er zum richtigen Mann herangewachsen ist», schrieb Zentralpräsident Otto Grütter im letzten ELAV-Jahresbericht.

Bis zu den Olympischen Spielen 1896 wurde die Leichtathletik nur rudimentär betrieben, etwa am 17. August 1808 anlässlich des grossen Hirtenfests in Unspunnen bei Interlaken. Ebenfalls in Interlaken soll am 13. November 2021 der rote Teppich für die «Swiss Athletics Night» ausgerollt werden.
20. Juni 1897: Erster Leichtathletik-Anlass nach neueren Regeln in Genf zu Ehren des 60-Jahr-Regierungsjubiläumsvon Königin Viktoriavon England.
4. September 1898: Erstes nationales Leichtathletik-Meeting in Zürich, unter anderem mit einem Dreibeinlauf, bei dem sich zwei Mitstreiter an benachbarten Füssen zusammenbinden liessen, um gemeinsam eine Strecke zurückzulegen.
3. September 1899: Erste inoffizielle Schweizer Meisterschaft des FC Zürich, aus dem 1922 die Leichtathletik-Sektion und 1934 der Leichtathletik-Club Zürich hervorgehen sollte. Die schnellsten Zeiten: 12,2 Sekunden über 100 m, 62 Sekunden über die Viertelmeile (402 m) und 4:52 Minuten über die Meile (1608 m).
4. März 1900: Erste Cross-SM («Cross-Country National») in Genf mit 47 mehrheitlich lokalen Teilnehmern unter dem Patronat der Sportillustrierten «La Suisse Sportive». Deren Herausgeber Dr. Aimé Schwob initiierte am 13. August 1905 die «Commission des Courses à pied et des Sports athlétiques», den späteren Athletik-Ausschuss der Swiss Football Association (Schweizerischer Fussball-Verband SFV).
26. Juli 1903: Erste inoffizielle Schweizer Leichtathletik Meisterschaft ausserhalb von Genf (in Zürich), vergeben durch die Union Athlétique Suisse (UAS), die sich 1905 mit dem Athletik-Ausschuss des Fussball-Verbands zusammenschliessen sollte (ab 1949 Schweizerischer Amateur-Leichtathletik-Verband SALV).
1. Juli 1906: Erste offizielle Schweizer Meisterschaft in Genf, organisiert vom Servette Football Club. Nebst elf Einzeltiteln gab es auch eine Art «Kombination». Gekürt wurde der beste Läufer («Champion Suisse de course à pied») sowie der beste Athlet in den technischen Disziplinen («Champion Suisse d’athlétisme»). Titel- und Medaillenberechtigt waren auch Ausländer, sofern sie für einen Schweizer Klub starteten.
5. bis 9. Juli 1912: Erste Leichtathletik-Wettkämpfe – in Turnerkreisen «volkstümliche Übungen» genannt – am Eidgenössischen Turnfest in Basel. Trotzdem war es der Athletik-Ausschuss der Swiss Football Association, der 1913 dem Internationalen Amateur-Leichtathletik-Verband (IAAF) beitrat. Der Schweizerische Fussball-Verband hatte 1904 bereits zu den sieben Gründungsmitgliedern der FIFA angehört.
14. September 1913: Erste Mehrkampf-Meisterschaften in Zürich (Fünfkampf). Zur Zehnkampf-Premiere kam es erst 1919 in Bern, aber nicht nur: Gewertet wurde neben den Einzeldisziplinen auch ein 4-, 5-, 6- und ein 12-Kampf («Allkampf») mit den Disziplinen Weit, Hoch, Stab, Kugel rechts und links, Diskus, Speer, 100 m, 1500 m, 110 m Hürden und dem Heben des eigenen Körpergewichts in zwei Bewegungen.
23./24. August 1919: An den ersten zweitägigen Schweizer Meisterschaften in Bern wetteiferte man(n) auch um den Titel des «Athlète complet». Nicht weniger als zwölf Disziplinen, darunter «Schleuderball», mussten die Anwärter dazu bestreiten. Sieger wurde nicht der fünffache Einzelmeister Hermann Gass vom FC Basel – die Hürden bremsten den Fussballer aus –, sondern Constant Bucher (Cercle des Sports Lausanne, später Stade Lausanne), der keinen einzigen Titel gewann, jedoch alle Disziplinen beendete.
22. Juni 1924: Gründung des Eidgenössischen Leichtathleten-Verbands ELAV als Unterverband des Schweizerischen Turnverbands. Der bürgerliche STV reagierte damit auf den Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportverband. Der SATUS hatte 1923 das volkstümliche Turnen abgeschafft und begann stattdessen, leichtathletische Wettkämpfe (für Männer und Frauen) zu organisieren, inklusive Arbeitermeisterschaften (ab 1924). Neben dem ELAV und SATUS gab es innerhalb der Turnerfamilie mit dem Schweizerischen Frauenturnverband (SFTV), Schweizerischen Verband Katholischer Turnerinnen und dem Schweizerischen Katholischen Turn- und Sportverband (Sport Union Schweiz) noch weitere Unterverbände mit unterschiedlichen (Leichtathletik-)Interessen.
4. Oktober 1924: Spatenstich zum berühmten Letzigrund. Die ersten Aschenbahnen lösten zuvor in Lausanne (Vidy) und in Genf (Varembé) sowie in Bern (Eichholz) und Basel (Schützenmatte) die Schlackenbahnen und Laufbahnen auf Fussballplätzen ab. In Fronarbeit von der Leichtathletik-Sektion des FC Zürich errichtet, dauerte es fast drei Jahre bis zur Fertigstellung. Das erste internationale Leichtathletik-Meeting wurde für den 12. August 1928 ausgeschrieben und konnte gleich mit einem Weltstar aufwarten: die finnische Lauflegende Paavo Nurmi lockte 3000 Zuschauer auf den Letzigrund. Ein Sitzplatz auf der gedeckten Tribüne kostete 4 Franken, ein Stehplatz 1.50 Franken.
12. Juli 1925: Erste Schweizer Staffelmeisterschaften in Basel mit Strecken von 4×100 m bis 10×100 m. Letztere figurierten bis 1970 im Programm. Staffelrennen, sogenannte «Quers», fanden auch ausserhalb der Bahn grossen Anklang. In den Städten Zürich, Bern und Basel traten regelmässig über 1000 Teilnehmer an. Anders als die SM standen diese Events auch Nicht-Leichtathletikvereinen offen.
1929: Der BSC Old Boys war der erste Deutschschweizer Leichtathletik-Verein, der auf das traditionelle weisse Wettkampftenü verzichtete. Stattdessen trugen die Athletinnen und Athleten – analog zu den Klubfarben – schwarze Hosen und ein gelbes Leibchen mit dem OB-Signet auf der Brust.
1932: Die ersten Schweizerischen Nachwuchswettkämpfe (SNWK), ein Vorläufer des UBS Kids Cups, wurden vom ELAV ins Leben gerufen, um die «jungen Burschen» auf den Militärdienst vorzubereiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der Dreikampf die Freude an der Bewegung und im Speziellen an der Leichtathletik wecken. Mädchen wurden allerdings erst 1966 (versuchsweise) respektive 1967 (offiziell) zugelassen.
12. August 1934: Erste Schweizer «Damen»-Meisterschaften auf dem Zürcher Letzigrund mit neun Disziplinen: 100 m, 300 m, Hoch, Weit, Kugel, Diskus, Speer, Fünfkampf und 4×100 m. Zur gemeinsamen SM – ebenfalls in Zürich – kam es erst 1952.
1937: Erste Schweizer Vereinsmeisterschaften. Die Jahreswertung, die den Mannschaftsgedanken und Vielseitigkeit der Vereine förderte, sorgte für eine Breitenwirkung, aber auch für den einen oder anderen Exzess. So wurden die Sprints bei Gegenwind mithin auf die Gegengerade verlegt, um mit einem Rückenwind von 5 m/s möglichst viele Punkte zu sammeln. Old Boys Basel gewann 1943 den ersten Final vor dem LC Zürich und der GG Bern. Die gleiche Reihenfolge resultierte bei der Frauen-Premiere 1946.
27. Juli 1941: Erster offizieller Weltrekord auf Schweizer Boden: Ilsebill Pfenning (SA Lugano) überquerte die Latte als weltweit dritte Frau auf der Höhe von 1,66 m. Die Schweizer Hochsprungmeisterin von 1936 bis 1941 egalisierte im Rollstil («Western Roll») den Weltrekord der Britin Dorothy Odam (1939) und Südafrikanerin Esther van Heerden (1941), eine Marke, die auf nationaler Ebene fast 28 Jahre Bestand haben sollte. International tauchte Pfennings Name allerdings erst 1976 in den Rekordlisten auf. Offenbar hatte der Schweizerische Fussball- und Athletik-Verband und dessen Nachfolger, der Schweizerische Amateur-Leichtathletik-Verband, das Rekordprotokoll nie an den Weltverband weitergeleitet, in der Annahme, der Weltrekord stünde noch bei 1,70 m. Diese Vermutung war nicht unbegründet.
18. September 1938: An der Frauen-EM-Premiere 1938 in Wien hatte Pfenning die Finalqualifikation mit 1,55 m verpasst. Gewonnen wurde die Konkurrenz von der deutschen Dora Ratjen, die mit 1,70 m einen vermeintlichen Weltrekord aufstellte. Vermeintlich deshalb, weil sich die «Europameisterin» und «Weltrekordhalterin», an den Olympischen Spielen in Berlin 1936 bereits «Vierte» geworden, im Nachhinein als Mann herausstellte (siehe Film «Berlin 36»). Ein Mann, den die Nazis jahrelang dazu missbraucht hatten, sich als Athletin auszugeben. Als auskam, dass sich Ratjen sein Geschlecht nach oben gebunden hatte, um bei den Frauen starten zu können, wurde er von der IAAF mit einer lebenslangen Sperre behaftet. Später liess er seinen Taufnamen auf Heinrich «Heinz» Ratjen umschreiben. Sämtliche Erfolge – und Weltrekorde – wurden ihm nachträglich aberkannt. So kam Ilsebill Pfenning-Fiechter doch noch zu Weltrekordehren. Der Statistiker Fulvio Regli hatte das Originalprotokoll in den siebziger Jahren bei seinen Recherchen im Zusammenhang mit Roman Bussmanns Buchband «Menschen, Meter und Minuten» zufälligerweise gefunden…
1954: Die Europameisterschaftenauf dem Berner Neufeld waren beste Werbung für die internationale Leichtathletik – wenngleich sich die bürgerlich geprägte Schweiz ausserhalb der SATUS-Vereine schwertat mit der Übermacht der Ostblockathleten (die Sowjetunion, Tschechoslowakei und Ungarn eroberten über die Hälfte der 105 Medaillen). Die erfolgreichsten Einheimischen waren Jean-Jacques Hegg (SC Rotweiss Basel) und Fritz Portmann (LC Biel) als jeweils Fünfplatzierte über 400 m und im Dreisprung.
1959: Gründung der Schweizer Gemeinschaft für Volksläufe, die zuvor als «wilde», weil nicht von den Verbänden organisierte Veranstaltungen abgetan worden waren. Zusammen mit der Laufbewegung um die Westschweizer Zeitschrift «Spiridon» (ab 1972) und den 1975 ins Leben gerufene «Spiridon-Club de Suisse» (SCS) erreichte die Gemeinschaft deutlich mehr Läuferinnen und Läufer als der Leichtathletik-Verband, der sich – abgesehen von der Cross- und Marathon-SM – primär um die lizenzierten Bahnläufe(r) kümmerte.
7. März 1965: Erste Cross-SM mit weiblicher Beteiligung in St. Gallen. Laufdistanz für die Frauen: etwas mehr als einen Kilometer…
1967: An den Schweizerischen Frauenturntagen in Bern durften die Teilnehmerinnen erstmals zu leichtathletischen Einzelwettkämpfen antreten, allerdings nur anonym unter Nennung der Leistung und Kantonsherkunft in der Rangliste. So begann das Hochsprung-Klassement mit: «1. eine Aargauerin 1,45 Meter.» Dabei handelte es sich um die spätere 400-m-Rekordläuferin und Verbandsfunktionärin Vreni Leiser-Vogt (BTV Aarau). Im gleichen Jahr nahmen mit TV Länggasse Bern und dem TV Malters auch Turnvereine an den Frauen-SVM teil.
4. Dezember 1971: Der Eidgenössische Leichtathleten-Verband ELAV und der Schweizerische Amateur-Leichtathletik-Verband SALV lösten sich nach jahrelangen Grabenkämpfen auf und fusionierten zum Schweizerischen Leichtathletik-Verband (SLV, seit 1. November 2006 Swiss Athletics).
Die erste Dekade (1971 - 1980)

Die «Swiss Athletics History Makers» Philippe Clerc und Meta Antenen haben es 1969 vorgemacht. Nun steht eine ganze Generation von Athletinnen und Athleten bereit, im nächsten Jahrzehnt in ihre Fussstapfen zu treten. Hier ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse in der Schweizer Leichtathletik während der Saisons 1971 bis 1980.
Highlights 1971
Unter dem Hallendach stellt Beatrix Rechner (GG Bern) mit 1,81 m einen Schweizer Indoor-Rekord im Hochsprung auf. Im Freien machen die Schweizer Meisterschaften in Basel mit sieben Schweizer Rekorden von sich reden, darunter Meta Antenens 6,64 m im Weitsprung. In Topform gelingt der Schaffhauserin mit etwas zu viel Wind sogar ein Sprung auf 6,81 m. An den Europameisterschaften in Helsinki ist Meta Antenen ganz vorne mit dabei. Sie beginnt mit 13,35 Sekunden über 100 m Hürden (5. im Final), dann führt sie den Weitsprungwettbewerb über 100 Minuten mit einem hervorragenden Schweizer Rekord von 6,73 m an. Leider muss sie sich im letzten Umgang um drei kleine Zentimeter geschlagen geben. Ihr vorbildliches Verhalten gegenüber der Siegerin bringt ihr zwei internationale Fair-Play-Auszeichnungen ein und sie wird zum zweiten Mal nach 1966 zur Schweizer Sportlerin des Jahres gekürt.
Highlights 1972
An den Hallen-Europameisterschaften in Grenoble kann Meta Antenen zwei weitere Medaillen gewinnen: Silber im Weitsprung und Bronze im 50-m-Hürdenlauf. Nach einer Knieoperation im Mai taucht der Liebling der Schweizer Leichtathletik erst wieder an den nationalen Meisterschaften in Genf Ende Juli auf, wo die Hürden- und Weitsprungspezialistin in 11,68 Sekunden den Schweizer Rekord über 100 m bricht. Auch andere Landesrekorde fallen im Sommer, wie jener von Peter Wittmer (BTV Aarau), der im Stabhochsprung als Erster 5,00 m meistert oder jener von Rolf Bernhard (ATV Frauenfeld) mit 7,87 m im Weitsprung. Eine Delegation von 27 Teilnehmern reist zu den Olympischen Spielen in München an. Das Niveau ist so hoch, dass nur Meta Antenen mit einem sechsten Platz im Weitsprung eine Top-8-Klassierung erreicht.
Highlights 1973
In dieser Übergangszeit erscheinen neue Namen in den Schweizer Rekordlisten. Auf den Mittelstrecken ist Rolf Gysin (SC Liestal), der die 800 m in 1:46,6 und die 1500 m in 3:37,7 läuft, der Prominenteste, doch über 5000 m sticht Werner Meier (TV Unterstrass) mit 13:37,8 hervor. Im Hochsprung überquert Hanspeter Habegger (KLAV Solothurn) die Latte zweimal auf 2,16 m, Toni Teuber (LC Zürich) nähert sich im Dreisprung mit 15,99 m der 16-Meter-Marke, während Philipp Andres (LV Langenthal) im Zehnkampf mit 7 652 Punkten sein Potenzial andeutet. Bei den Frauen läuft Vreni Leiser (BTV Aarau) die 400 m in 53,3 Sekunden und Meta Antenen die 100 m Hürden in 13,1. Im einzigen internationalen Wettbewerb erringt Bernhard Vifian (BTV Luzern) Bronze über 1500 m an den Junioren-Europameisterschaften in Duisburg (Markus Ryffel wird Siebter über 5000 m). Zum Jahresende wird der Langstreckenläufer Werner Dössegger (BTV Aarau alias Monsieur Morat-Fribourg) mit dem Schweizer Sportpreis des Jahres ausgezeichnet.
Highlights 1974
Die wieder erstarkte Meta Antenen glänzt an den Hallen-Europameisterschaften in Göteborg mit Gold im Weitsprung und einem hervorragenden Schweizer Hallenrekord von 6,69 m sowie Bronze über 60 m Hürden in 8,19 Sekunden. Im Sommer senkt sie ihren Landesrekord über 100 m Hürden in Warschau auf 13,0. Ebenso erwähnenswert sind die Fortschritte von François Aumas (CA Genf), der in 49,92 über 400 m Hürden als Erster die 50-Sekunden-Marke durchbricht, aber auch von Hanspeter Wehrli (TV Unterstrass), der in Oslo 8:26,2 Minuten über 3000 m Steeple läuft. In Zürich erzielt der Zehnkämpfer Philipp Andres hervorragende 7809 Punkte und Rolf Bernhard sprang kurz hintereinander 7,87 m und 7,91 m. Diese Athleten bilden die Speerspitze des Schweizer EM-Teams in Rom, wo die besten Ergebnisse der 5. Platz von Wehrli im Steeple (8:26,00), der Weitsprung von Bernhard (7,91 m) sowie der 6. Platz von Anderes im Zehnkampf (7819 Punkte) sind.
Highlights 1975
An den Hallen-Europameisterschaften in Katowice gewinnt Meta Antenen die Bronzemedaille im Weitsprung. Die Sommersaison beginnt mit einem Exploit in Winterthur. Getragen von einem etwas zu starken Wind von 2,2 m/s, kommt Antenens Vereins- und Trainingskollegin Isabella Lusti (LC Schaffhausen) mit 6,82 m bis auf 2 Zentimeter an den Weltrekord im Weitsprung heran. Auf der Mittelstrecke setzt Rolf Gysin seine Entwicklung mit 1:45,97 über 800 m fort. Am meisten begeistert jedoch der Weitspringer Rolf Bernhard. Im Juni übersprang der Thurgauer in Berlin 7,91 m und in Warschau 7,97 m, bevor er in Zofingen mit 8,00 m sein grosses Ziel erreicht. Drei Wochen später bestätigt er seinen Erfolg in Bern mit grossartigen 8,06 m. Es ist nur logisch, dass er zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt wird. An den Junioren-Europameisterschaften in Athen gewinnen Felix Böhni (LC Zürich) Silber im Stabhochsprung und Thomas Wild (STB) Bronze über 110 m Hürden.
Highlights 1976
Die ersten Athleten, die sich in dieser Saison hervortun, sind Felix Böhni mit 5,25 m im Stabhochsprung, Roberto Schneider (SA Lugano) mit beachtlichen 13,5 Sekunden über 110 m Hürden und Peter Muster (LC Zürich) mit sehr guten 20,46 über 200 m. In Stockholm verbessert der vielversprechende Markus Ryffel (STB) die Schweizer Rekorde über 5000 m in 13:32,65 und über 10 000 m in 28:05,37, während Jean-Pierre Egger (Neuchâtel-Sports) den Rekord von Edy Hubacher im Kugelstossen auf 19,71 m fixiert. Bei den Frauen überfliegt Susanne Erb (LC Zürich) mit 1,84 m im Hochsprung Trix Rechner, während sich Rita Pfister (LV Winterthur) im Diskuswurf mit 60,60 m eine neue Bestweite notieren lässt. Die Schweizer Leichtathletik ist an den Olympischen Spielen in Montreal nur mit sieben Athleten vertreten, wobei Rolf Bernhard das beste Ergebnis mit einem 9. Platz im Weitsprung liefert.
Highlights 1977
Die Hallen-Europameisterschaften in San Sebastián bringen zwei Bronzemedaillen für Rolf Gysin über 800 m und Markus Ryffel über 3000 m. Ryffel steigert sich outdoor über 3000 m auf 7:45,4 und über 5000 m auf 13:23,99. In den technischen Disziplinen fallen drei Schweizer Rekorde: Roland Dalhäuser (TV Birsfelden) springt 2,21 m hoch, Rolf Bernhard 8,07 m weit und Jean-Pierre Egger stösst seine Kugel auf 19,75 m. Schliesslich überzeugen die Schweizer in Donezk – wie schon an den letzten beiden Junioren-Europameisterschaften – dank Felix Böhni, der erneut Silber im Stabhochsprung holt, und Pierre Délèze (CA Sion), der mit Bronze über 1500 m auf sich aufmerksam macht.
Highlights 1978
Die Hallensaison bringt zwei grossartige Leistungen: Jean-Pierre Eggers Schweizer Rekord im Kugelstossen mit 19,54 m und vor allem Markus Ryffels grandioser Europameistertitel über 3000 m in Mailand. Auch im Freien ist der Berner über 3000 m in 7:42,17 und über 5000 m in 13:19,97 – bei Weltklasse Zürich – so schnell wie noch nie. Die 4×100-m-Staffel mit Franco Fähndrich (Old Boys Basel), Urs Gisler (LV Winterthur), Peter Muster und Hansjörg Ziegler (LC Zürich) erzielt 39,19 Sekunden in Bern, ein Rekord, der fast 30 Jahre hält! An den Europameisterschaften in Prag sichert sich Peter Muster eine fantastische Bronzemedaille über 200 m, während sich Markus Ryffel in einem verrückten Endspurt mit Silber über 5000 m die erste Freiluftmedaille verdient. Trotz Schweizer Rekord knapp neben dem Podest stehen Franz Meier (LV Wettingen-Baden) über 400 m Hürden in 49,84 Sekunden sowie die 4×400-m-Staffel, bestehend aus Rolf Strittmatter (LC Zürich), Peter Haas (Old Boys Basel), Konstantin Vogt (GG Bern) und Rolf Gisler (LV Winterthur) in 3:04:29 Minuten. Bei den Frauen stellt Cornelia Bürki in Prag zwei weitere Schweizer Rekorde über 1500 m (4:04,60) und 3000 m (8:46,13) auf. Sie wird ebenso zur Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt wie Gold- und Silbermedaillengewinner Markus Ryffel bei den Männern.
Highlights 1979
Unersättlich und souverän verteidigt Markus Ryffel seinen Titel über 3000 m an den Hallen-Europameisterschaften in Wien. Noch unglaublicher ist sein Niveau im Sommer mit zwei Weltklassezeiten: 7:41,00 bei Athletissima Lausanne über 3000 m und 13:13,32 über 5000 m in Stockholm. Ebenfalls Rekorde verbessern Urs Kamber (STB) und Pierre Délèze in ihren jeweiligen Disziplinen: 45,79 über 400 m für den Berner und 3:36,7 über 1500 m für den Walliser. Roland Dalhäuser überwindet im Hochsprung 2,22 m, während sich Jean-Pierre Egger, der starke Mann der Schweizer Leichtathletik, zu Hause in Neuchâtel in Hochform präsentiert: Erst katapultiert er die Kugel auf 19,90 m, dann schafft er fantastische 20,25 m. An den Schweizer Meisterschaften in Zug wird Brigitte Wehrli (TV Unterstrass) mit 11,45 und 23,40 die schnellste Frau der Schweiz. Cornelia Bürki setzt ihre Rekordjagd über 800 m (2:01,14) fort. Die Medaillenernte an den Junioren-Europameisterschaften wird in Bydgoszcz erweitert: Dieter Elmer (LAV Glarus) über 800 m und Peter Wirz (STB) über 1500 m erlaufen sich jeweils Bronze.
Highlights 1980
An den Hallen-Europameisterschaften in Sindelfingen gewinnt Pierre Délèze Bronze über 1500 m. Roland Dalhäuser überquert 2,26 m im Hochsprung, eine Höhe, die er im Freien wiederholt. Überhaupt sind die Schweizer Springer in Form: Rolf Bernhard segelt 8,10 m weit, während Felix Böhni die idealen Bedingungen in Kalifornien nutzt, um den Stabrekord auf 5,50 m zu schrauben. Herausragend sind auch Pierre Délèze‘ 3:33,80 Minuten über 1500 m, womit er in der Weltspitze angekommen ist. Bei den Frauen zeigt Gaby Meier (Old Boys Basel) einen Hochsprung auf 1,86 m und Edith Anderes (LC Brühl) krönt ihre Karriere mit einem Stoss auf 16,71 m. An den Olympischen Spielen in Moskau gibt es drei Top-8-Platzierungen durch die beiden fünften Plätze von Markus Ryffel über 5000 m und Roland Dalhäuser im Hochsprung sowie den 7. Platz von Franz Meier über 400 m Hürden. Auf der Strasse läuft Richard Umberg (STB) den Halbmarathon in 1:04:58 und den Marathon in 2:14:28. Bei den Frauen stellt Vreni Forster (STV Luzern) mit 2:35:57 ebenfalls einen Marathonrekord auf.
Im Jubiläumsjahr von Swiss Athletics jährt sich Meta Antenen «Jahrhundertsprung» zum 50. Mal. 6,73 Meter weit sprang die Schaffhauserin am 14. August 1971 an den Europameisterschaften in Helsinki, gemäss Fachzeitung «Sport» die «markanteste Leistung, die jemals einer Schweizer Leichtathletin gelang» und der Höhepunkt einer beispiellosen Karriere.
Meta Antenen war nervös, als sie den Finalwettkampf als erste Weitspringerin eröffnen sollte. So nervös, dass sie ihre jugendliche Leichtigkeit für einen Moment zu verlieren drohte. Rat suchend, blickte die damals 22-Jährige über die linke Schulter und sah die Schweizer Fahne wehen. Das schien sie zu beruhigen. Dann holte sie tief Luft und nahm Anlauf. Den Absprungbalken traf sie gut, verschenkte nur ein paar Zentimeter, wenn überhaupt. Die Arme hochgerissen, segelte, nein flog sie förmlich in neue Sphären und kam erst nach 6,73 Metern zu landen. Schweizer Rekord. Im ersten Versuch.
Weiter war Meta Antenen bislang bloss einmal gesprungen: 6,81 m an den Schweizer Meisterschaften drei Wochen zuvor. Allein, auf der Basler Schützenmatte bliess der Wind einen Hauch zu stark, als dass die Leistung hätte anerkannt werden können. Im Gegensatz dazu brachte die Ausnahmeathletin des LC Schaffhausen ihre Unterschenkel in Helsinki einfach nicht nach vorn. Trotzdem führte sie die Konkurrenz lange an. Doch dann kam der Wind und mit ihm Ingrid-Mickler Becker. Im sechsten und letzten Durchgang schaffte es die deutsche Olympiasiegerin im Fünfkampf tatsächlich, Meta Antenen die EM-Goldmedaille noch wegzuschnappen. Um drei Fingerbreiten überflügelte sie die führende Schweizerin, die ihren Teil allerdings dazu beigetragen hatten.
Vorbild in Sachen Fairness
Nur Minuten zuvor war Meta Antenen nämlich quer über das Feld gerannt, um Mickler-Becker, die während des Weitsprungfinals auch als Schlussläuferin der 4×100-m-Staffel im Einsatz stand, den Trainingsanzug zu holen. Überdies bestand Antenen beim Kampfgericht darauf, dass ihre deutsche Konkurrentin den durch den Staffeleinsatz verpassten fünften Sprung nachträglich absolvieren durfte.
Diese selbstlose Geste bescherte der Schweizerin neben der Silbermedaille zwei weitere internationale Auszeichnungen. So fand es der Verband Deutscher Sportpresse angebracht, die von der Boxlegende Max Schmeling gestiftete Fair-Play-Trophäe erstmals ins Ausland und erstmals an eine Frau zu vergeben. Die UNESCO doppelte nach und verlieh Meta Antenen in Paris die Fairness-Medaille «Pierre de Coubertin». «Mieux qu’une victoire» – mehr als ein Sieg – steht darauf. Die zwei Auszeichnungen machten die bescheidene Amateurin zu einem Vorbild weit über den Sport hinaus.
9 EM-Medaillen und ein Weltrekord
Während ihrer Laufbahn gewann die 56 kg leichte Meta Antenen neun EM-Medaillen, davon sieben in der Halle, zwei Olympiadiplome in Mexiko und München und insgesamt 34 Schweizer Meistertitel. Daneben stellte die berufstätige Elektrozeichnerin 80 Landesrekorde auf, einer bedeutete sogar Weltrekord: An den Schweizer Fünfkampfmeisterschaften 1969 in Liestal erzielte die neue Königin der Leichtathletik 5046 Punkte, womit sie die grosse Heide Rosendahl um 23 Zähler übertraf. Antenes Einzelleistungen: 13,5 Sekunden über 100 m Hürden bei einem Gegenwind von 2,3 m/s; 11,28 m; persönliche Bestleistung im Kugelstossen, der schwächsten Disziplin und mit ein Grund, dass sich die Mehrkämpferin ab 1971 auf die Hürden und den Weitsprung spezialisieren sollte; 1,71 m und Hausrekord im Hochsprung dank der raschen Umstellung auf die neue Fosbury-Flop-Technik; 6,49 m im Weitsprung – 19 Zentimeter weiter als beim Schweizer Rekord an den Olympischen Spielen im Jahr zuvor; 24,6 Sekunden und persönliche Bestzeit über 200 m im Schlepptau der neuen Rekordsprinterin Elisabeth Waldburger-Ermatinger (LC Zürich)!
Keinen Weltrekord, dafür zwei Landesrekorde in ein und demselben Wettkampf produzierte Meta Antenen 1974 an der Hallen-Europameisterschaften in Göteborg. Mit 6,59 respektive 6,69 m bescherte sie der Schweizer Leichtathletik die erste Hallen-EM-Goldmedaille – obwohl es hierzulande noch keine einzige Indooranlage gab. Hinzu kommen zwei Ehrungen als Schweizer Sportlerin des Jahres: 1971 und 1966.
Beim Swiss Athletics Sprint entdeckt
Im Jahr 1966 war Meta Antenens internationaler Stern aufgegangen: Erst 17-jährig, siegte die Lichtgestalt der Schweizer Leichtathletik bei Weltklasse Zürich über 80 m Hürden, errang im Weitsprung und Fünfkampf zwei EM-Diplome in Budapest und verzauberte das sowjetische Publikum an den Europäischen Juniorenspielen in Odessa (UdSSR/UKR) mit ihren Auftritten. Ein russischer Reporter meinte nach dem Doppelgold im Hürdensprint und Fünfkampf sogar: «Wir haben die Schweiz bisher nicht gekannt. Nun wissen wir, wie sie ist: Gut und schön!»
Entdeckt wurde der erste weibliche Leichtathletik-Star 1960 bei der Premiere des «Schnällscht Schafuuser Bölle» in Schaffhausen, dem heutigen Swiss Athletics Sprint und Austragungsort des Schweizer Finals 2021. Die barfusslaufende Schülerin auf Bahn 7 fiel dem Leichtathletik-Trainer und lokalen Projektinitianten Jack Müller sofort auf. Trotz rudernden Armen musste in Metas Auftritt schon 1960 eine gewisse Anmut mitgeschwungen haben, eine Eleganz, die sie zeit ihrer Karriere bewahren sollte. Der Gründervater der Damenabteilung des LC Schaffhausen, Mentor und Förderer zahlreicher Schweizer Sportgrössen – darunter Eiskönigin Denise Bielmann – musste Metas Eltern allerdings erst dazu überreden, dass ihre Tochter den Ballett- und Musikunterricht zugunsten der leichtathletischen Basisbewegungsformen Laufen, Springen und Werfen aufgeben sollte.
Umdenken in der Frauenleichtathletik
Noch bis in die Sechzigerjahre hatte sich das Vorurteil hartnäckig gehalten, wonach der Leistungssport im Allgemeinen und die Leichtathletik im Besonderen dem femininen Körper schade, ja sogar von einer «Vermännlichung» war die Rede. Zu diesem Bild passten die Frauen aus dem Ostblock, Frauen wie Irina und Tamara Press, die mehr als Schwer- denn als Leichtathletinnen auffielen. Umso verdutzter rieb man sich die Augen, als mit Meta Antenen ein blondes «Fräulein» in Erscheinung trat, das nicht nur schnell sprintete und weit sprang, sondern auch umwerfend aussah.
Im Alter von 14 Jahren liess sich Meta über 80 m Hürden ihre erste, bronzene SM-Medaille bei den «Grossen» umhängen. Mit 15 wurde sie im Weitsprung jüngste Schweizer Titelhalterin aller Zeiten. Allein 1965 holte sie über 100 m, 80 m Hürden, im Hochsprung, Weitsprung, Fünfkampf und mit der 4×100-m-Staffel sechs Titel. Zehn Jahre später – 1976 – beendete die zweifache Junioren-Europameisterin und neunfache EM-Medaillengewinnerin ihre grandiose Karriere im Alter von 27 Jahren nach einem Wadenmuskelriss. Diesen hatte sie sich just vor einem Meeting in Helsinki zugezogen. Jener Stätte, in der sie vor einem halben Jahrhundert für eine der grössten Schweizer Leichtathletik-Sternstunde gesorgt hatte. Indes viel wichtiger: Dank Meta Antenen wurde die Leichtathletik hierzulande auch als Frauensportart wahrgenommen.

Nur wenige Tage vor Meta Antenens Rücktritt taucht ein neuer Name in den Schweizer Rekordlisten auf: Peter Muster, Jahrgang 1952, löst Philippe Clerc 1976 als Nachfolger über 200 m ab. Zwei Jahre später steht der heutige Seniorenpräsident des LC Zürich in Prag neben dem legendären Pietro Mennea als Bronzemedaillengewinner auf dem EM-Podest.
Es war die erste Schweizer Freiluft-Medaille seit Meta Antenens Silbersprung 1971 in Helsinki. Und wie die Schaffhauserin hat auch der Zürcher seine Wurzeln im Swiss Athletics Sprint. Dieser wurde 1951 – vor 70 Jahren – von LCZ-Trainerlegende und SLV-Chefstatistiker Silvio Nido unter dem Namen «De schnällscht Zürihegel» ins Leben gerufen.
Obwohl sich Muster im heutigen Swiss Athletics Sprint nie durchzusetzen vermochte, wurde der «Späteinsteiger» mit 17 Jahren erstmals Schweizer Nachwuchsmeister über 200 m, acht weitere Titel liess er bei der Elite folgen. 1974 qualifizierte sich der Chemielaborant und spätere Biochemiker für die Kontinentaltitelkämpfe in Rom.
Während er den 200-m-Halbfinal wegen einer Zerrung verpasste, feierte sein Namensvetter Pietro Mennea dessen EM-Titelpremiere vor Heimpublikum. Der Italiener sollte 1979 Tommie Smiths Weltrekord in der Höhenlage von Mexiko-City auf 19,72 Sekunden senken und sich 1980 in Moskau zum Olympiasieger krönen. In Prag 1978 ging er als Topfavorit ins Rennen.
Direkt hinter ihm auf Bahn 2: Peter Muster. Der 26-jährige Olympiateilnehmer von Montreal 1976 hatte im Halbfinal die zweitschnellste Zeit (20,63 Sekunden) hinter Mennea erzielt, im Final durchbrach er die Lichtschranke in 20,64 Sekunden. Fast die gleiche Zeit (20,6 Sekunden) hatte Musters Vorgänger Philippe Clerc 1969 bei seinem EM-Titel in Athen notiert, allerdings handgestoppt.
Dessen Fabelrekord von Weltklasse Zürich 1969 (20,3 Sekunden) hatte Peter Muster am 5. Juni 1976 in Zofingen auf elektronische 20,46 Sekunden fixiert. Am 5. August 1978 pulverisierte der Schützling von Dieter Morf zusammen mit Franco Fähndrich, Urs Gisler und Hansjörg Ziegler in Bern auch den 4×100-m-Rekord. Die 39,19 Sekunden sollten fast 30 Jahre Bestand haben.
Muster selbst gab 1982 seinen Rücktritt vom Spitzensport und konzentrierte sich auf seine berufliche Karriere. Als 4×100-m-Staffelnationaltrainer, Begleitperson für einen blinden 400-m-Läufer und Vorstandsmitglied im LCZ ist er bis heute mit der Leichtathletik verbunden geblieben.

Am 7. Februar 1971 wurde das Frauenstimmrecht auf Bundesebene angenommen. Einen Monat später, am 5. März 1971, gewann Marijke Moser ihren ersten Schweizer Meistertitel im Crosslauf. Doch die gebürtige Holländerin gab sich damit nicht zufrieden und schickte sich an, eine nationale Laufrevolution anzuzetteln.
Ausgerechnet beim traditionsreichsten aller Schweizer Läufe, dem Murtenlauf, scherte sich Marijke Moser 1971 um das geltende Startverbot für Frauen und lief heimlich im reinen Männerfeld mit – bis sie von den Sicherheitskräften (!) aufgehalten wurde. Die «Schwarzläuferin», die am 13. November ihren 75 Geburtstag feiert, schildert ihre Pioniertat heute so: «Mein Ex-Mann (Albrecht Moser – die Red.) lief damals selber mit. Da dachte ich: Was soll ich hier am Strassenrand frieren? Ich renne auch! Dann lief ich einfach los…»
1973, anlässlich der 40. Auflage des Gedenklaufs, wendete die Cross-WM-Siebte einen ähnlichen Trick an wie Kathrine «Kathy» Switzer beim Boston-Marathon 1967. Im Gegensatz zu ihrem US-amerikanischen Pendant (K. V. Switzer) meldete sich Moser, geborene Van de Graaf, jedoch nicht mit ihren Initialen an, um an eine Startnummer zu gelangen, sondern mit einem männlichen Namen. Kurz vor dem Ziel wurde «Markus Aebischer» aus dem Rennen genommen und tauchte deswegen nicht in den Ranglisten auf.
Markus folgt auf «Markus»
1974 fand die Berner Vorläuferin einen anderen Markus als Nachahmer: STB-Vereinskollege Markus Ryffel. Der 19-jährige U20-Rekordhalter über 5000 m und 10 km startete unter dem Namen seines älteren Bruders Urs und wurde Dritter. Allerdings bloss inoffiziell. «Disqualifikation» lautete das Verdikt – wie im Fall von Marijke Moser ein Jahr zuvor. Grund war ein vermoderter Passus, der den Junioren die Teilnahme über die Originalstrecke ebenso untersagte wie den Frauen.
Erst 1977 wurde sowohl den Junioren – ab dem 18. Altersjahr – als auch den Frauen – ab dem 19. Altersjahr (!) – das Startrecht beim Herbstklassiker über die 17,150 Kilometer zugesprochen. Sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter Mirja durfte sich Marijke Moser als erste offizielle Siegerin feiern lassen. Sie trug dabei das Shirt des 1975 gegründeten Spiridon-Clubs (siehe unten).
Der lange Atem hatte sich gelohnt: Am 23. April 1978 wurde die Olympia-Teilnehmerin von 1972 über 1500 m, damals die längste Bahndistanz für Frauen, erste Schweizer Marathonmeisterin in Schaffhausen, bejubelt von 7000 Schaulustigen und beglückwünscht von Albrecht Moser, der Titelverteidiger Richard Umberg (ebenfalls STB) auf Rang 2 verwies.
Spiridon schneller als der Verband
Die Lauf- und Joggingwelle der USA schwappte allmählich auch in die Schweiz über. Grossen Anteil daran hatte die Westschweizer Laufzeitschrift «Spiridon», 1972 lanciert von Chefredaktor Noël Tamini und dem zweifachen Murtenlauf-Sieger Yves Jeannotat. «Spiridon» erhob den eher elitären Wettkampf- zum Breiten- und Gesundheitssport – zum «Laufsport für alle». Parallel dazu schossen neue Laufveranstaltungen wie Pilze aus dem Boden, sei es in den Städten (Corrida Bulloise 1976, Silvesterlauf Zürich 1977, Luzerner Stadtlauf 1978, L’Escalade 1978, 20 km de Lausanne 1982, Grand-Prix Bern 1982, Basler Stadtlauf 1983), auf dem Land (Hallwilerseelauf 1975, Kerzerslauf 1979, Greifenseelauf 1980, Reusslauf 1983) oder in den Bergen (Sierre-Zinal 1974, Aletsch-Halbmarathon 1986, Swissalpine Davos 1986).
Während diese rasch wachsenden (Volks-)Läufe die Massen ebenso zu begeistern vermochten wie die Elite, wusste der junge Schweizerische Leichtathletik-Verband nicht so recht, wie er mit den einst als «wild» taxierten Hors-Stade-Veranstaltungen umgehen sollte. Ähnlich erging es den internationalen Leichtathletik-Verbänden, die sich nur für die Cross- und Marathonmeisterschaften verantwortlich fühlten. So kam es, dass die 1984 gegründete World Mountain Running Association (WMRA) – wie im Boxen – bald eigene Berglauf-Europa- und Weltmeisterschaften durchführte. 1987 gelangte die erste von bis dato vier «World Trophies» in der Schweiz zur Austragung (seit 2009 WM).
Ebenfalls 1987 erhielten die Schweizerinnen – auf Initiative von Markus und Jacqueline Ryffel – ihren eigenen (Frauen-)Lauf. 1998 fand im Rahmen des Greifenseelaufs erstmals eine offizielle, das heisst von der IAAF anerkannte und vom SLV organisierte (Halbmarathon-)WM in der Schweiz statt. Mittlerweile boomen die (Halb-)Marathons, florieren die Bergläufe und im Ultra- respektive Trail-Lauf gibt es jährliche Schweizer Meisterschaften. Selbstverständlich für beide Geschlechter.

Ob indoor oder outdoor, auf der Bahn oder auf der Strasse: Markus Ryffel, Jahrgang 1955, hat auf den Langstrecken neue Massstäbe gesetzt. Von 1977 bis 1984 gewann der STB-Athlet sechs internationale Medaillen, darunter die erste Olympiamedaille eines Schweizer Läufers seit 60 Jahren: Silber in Los Angeles 1984 über 5000 m – in der bis heute gültigen Rekordzeit von 13:07,54 Minuten. 24 weitere Rekorde sowie 19 nationale Titel zwischen 1976 und 1991 runden das Palmarès des «Lebensläufers» ab.
«Who are you?» Wer bist du? Zwei Mal fragt Henry Rono (KEN) den kleinen, aber zähen Schweizer, der sich im ohrenbetäubenden Letzigrund einfach nicht abschütteln lässt. Der Kenianer hat zwischen dem 8. April und 27. Juni 1978 vier Weltrekorde über 3000 m, 5000 m, 10 000 m und 3000 m Steeple aufgestellt und ist der Mann der Stunde. Nun nimmt er erstmals Notiz von Markus Ryffel, dessen Namen die Zuschauer mit jeder der zwölfeinhalb Bahnrunden lauter skandieren.
Anders als die afrikanischen Wunderläufer musste der gebürtige Ustermer als Kind nicht kilometerweise zur Schule laufen. Die fehlende Ausdauer machte der Metzgerssohn aber mit dem Velo wett, indem er für seine Eltern den Hauslieferdienst von Cordon bleu und Bündnerfleisch übernahm. 1968 trat Ryffel als 13-Jähriger in den LC Uster und beendete sein erstes Bahnrennen auf dem Letzigrund als Zweitletzter über 1000 m. Trotz seines «Porsche-Herzen»: An der Schnelligkeit mangelte es dem schmächtigen Schüler noch, ja er musste sich in der Schule regelmässig von den besten gleichaltrigen Mädchen schlagen lassen…
Entdeckt von Heinz Schild
Heinz Schild, Mittel- und Langstreckentrainer beim Schweizerischen Leichtathletik-Verband und später Gründervater des Grand-Prix Bern sowie des Jungfrau-Marathons, erkannte Ryffels Potenzial und überredete dessen Eltern, den Sohn nach Bern ziehen zu lassen. Statt der geplanten Kochlehre begann der 17-Jährige 1972 in der Bundesstadt eine Lehre als Schriftsetzer und schloss sich dem Stadtturnverein Bern an.
Unter Schilds Fittichen entwickelte sich Ryffel mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit zum Rekordläufer. Bei seinem ersten von 16 Starts im Rahmen von Weltklasse Zürich 1973 lief der Teenager über 5000 m auf Anhieb europäische Juniorenbestzeit (14:03,1). Zum Rennen zugelassen worden war der 18-Jährige dank dem Entgegenkommen von Meeting-Direktor Andreas Brügger, allerdings mit einer Auflage als Damoklesschwert: Eine Überrundung bedeute den sofortigen Ausstieg aus dem Rennen. Immerhin wurde das Feld von Weltrekordhalter Emiel Puttemanns (BEL) und Doppel-Olympiasieger Lasse Virén (FIN) angeführt…
Fünf Jahre später, 1978, spurtet Ryffel in der Schweizer Rekordzeit von 13:19,97 Minuten auf Rang 2 hinter dem grossen Henry Rono und darf diesen auf dessen Ehrenrunde begleiten. Wiederum einen Monat später fügt er Rono gar die erste Niederlage nach 28 siegreichen Bahnrennen zu. «Who are you?» Markus Ryffel hat sich mit 23 Jahren schon einen Namen gemacht. Dabei war Weltklasse Zürich 1978 bloss «Durchgangsstation» – zwischen der Hallen-EM in Mailand und der Freiluft-EM in Prag.
Der internationale Durchbruch
Im Vorjahr Bronzemedaillengewinner zusammen mit Rolf Gysin (800 m), geht Markus Ryffel im März 1978 mit Titelambitionen ins 3000-m-Rennen. In 7:49,5 Minuten bricht der Medaillenkandidat im Mailänder Palazzo dello Sport nicht nur seinen eigenen, vor drei Wochen an gleicher Stätte aufgestellten Landesrekord, sondern erobert auch das erste Schweizer Hallen-EM-Gold nach Meta Antenen 1974. Dazu bezwingt er seinen einstigen «Angstgegner», den früheren belgischen Weltrekordmann Puttemann, der Zweiter wird.
2. September 1978: Nur einen Tag nach Peter Muster (200 m) steht mit Markus Ryffel (5000 m) in Prag ein weiterer «Swiss Athletics History Maker» auf dem EM-Podest. Der Hallen-Europameister über 3000 m muss sich in einem packenden Schlusssprint bloss dem Italiener Venanzio Ortis geschlagen geben, der sich bereits Silber über 10 000 m geschnappt hat (bei Weltklasse Zürich indes noch hinter Ryffel ins Ziel gekommen war).
Die Auszeichnung zum Schweizer Sportler des Jahres ist das i-Pünktchen auf ein fantastisches Laufjahr 1978 – doch noch lange nicht der Schlusspunkt. 1979 in Wien gelingt Ryffel die Indoor-Titelverteidigung über 3000 m in der noch immer ungebrochenen Rekordzeit von 7:44,43 Minuten. Outdoor läuft der 24-Jährige im gleichen Jahr gar 7:41,00 (3000 m) respektive 13:13,32 (5000 m) und wird Dritter beim Weltcup über 5000 m.
Drei Olympiateilnahmen
Hat Markus Ryffel 1976 an den Olympischen Spielen in Montreal noch Autogramme von Doppelolympiasieger Alberto Juantorena (400 m/800 m) und John Walker (1500 m) gesammelt, so glänzt er 1980 in Moskau mit dem fünften Platz. Den Laufolymp erreicht Ryffel 1984 im Coliseum von Los Angeles, wo er hinter «Überläufer» Saïd Aouita (MAR), aber noch vor António Leitão (POR) sensationell zur Silbermedaille spurtet. Die 13:07,54 Minuten bedeuteten damals die fünftbeste 5000-m-Leistung aller Zeiten. Bis heute hat kein Schweizer die zwölfeinhalb Bahnrunden schneller zurückgelegt als der Hallen-EM- und Olympiasilbermedaillengewinner von 1984.
Nicht ganz so spektakulär verlief Ryffels Karriere über 10 000 m und die Marathondistanz. Bei seinem Debüt 1977 in New York finishte der 22-Jährige nach 2:19:40 Stunden und einigen Marschpausen. Später führte eine vererbte Venenerkrankung zu einem chronischen Logensyndrom in der Wadenmuskulatur, was ihn die klassische Distanz von 42,195 km nie schneller als 2:16:40 (1983 in London) bewältigen liess.
Olympiasilber vergoldet
Dafür stellte Markus Ryffel in Berlin 1987 eine Weltbestzeit über 25 km auf (1:15:04), gewann neunmal den Murtenlauf (wie Rekordsieger Werner «Düsenwerni» Dössegger), viermal den Grand-Prix Bern, dreimal den Greifenseelauf und zweimal die Escalade de Genève. Er war der erste Schweizer Läufer – und Leichtathlet –, der vom Sport leben konnte und sich daneben eine Existenz aufzubauen vermochte. Noch mehr: Bereits vor seinem Olympiacoup 1984 gründete er zusammen mit seinem älteren Bruder Urs einen Laufshop in Bern, gefolgt von einem weiteren an seiner Geburtsstätte in Uster. Mit der Firma Ryffel Running – inzwischen Markus Ryffel’s GmbH – sollte der Geschäftsmann den Schweizer Lauf- und Breitensport prägen wie kein anderer, sei es als Trendsetter im Aqua-Fit und Nordic Walking oder als Anbieter von Laufkursen, Seminaren und Aktivferien.
Seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat der Wahl-Berner auch als Veranstalter von Marathonreisen und Organisator diverser Laufevents, darunter der Nachwuchslauf in Uster, der Frauenlauf in Bern, der Greifenseelauf, der Survival oder der Santa Run. Noch heute schnürt der 66-jährige Dauerläufer mehrmals pro Woche die Laufschuhe und hat mittlerweile über 200 000 Kilometer auf dem «Tacho».
Diese Robustheit verdankt er nicht zuletzt seinem Mentor Heinz Schild (79). Anders als die meisten Trainer liess ihn der langjährige Radiomann und legendäre Stadion-Speaker im alten Letzigrund nicht nur Kilometer abspulen. Nein, Koordinations-, Kräftigungs- und Beweglichkeitsübungen genossen einen derart hohen Stellenwert, dass Ryffel 1974 beim Kaderzusammenzug in Magglingen noch von seinen Laufkollegen gefragt wurde, ob er sich auf das Eidgenössische Turnfest vorbereite. Der Pionier, der später als erster Schweizer mit der «Wet Vest» trainieren sollte, war seiner Zeit schon damals voraus.
Link zum Podcast mit Markus Ryffel von Swiss Track Check (Schweizerdeutsch)
Die zweite Dekade (1981 - 1990)

In den 1980er Jahren machen die Schweizer Leichtathleten nicht nur an Europameisterschaften auf sich aufmerksam, sondern glänzen auch an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse in der Schweizer Leichtathletik von 1981 bis 1990.
Highlights 1981
Das Jahr 1981 hätte mit den beiden Hallen-Europameistertiteln von Roland Dalhäuser (TV Birsfelden) im Hochsprung und Rolf Bernhard (ATV Frauenfeld) im Weitsprung in Grenoble nicht besser starten können. Im Freien siegt Dalhäuser beim Hochsprung-Meeting in Eberstadt mit 2,31 m – Schweizer Rekord und eine Leistung, mit der er sich den Titel «Schweizer Sportler des Jahres» verdient. Auch Rolf Bernhard zeigt sich mit 8,10 m in Frauenfeld und 8,14 m in Ebensee von seiner besten Seite. Auf den Laufstrecken glänzt Pierre Délèze (CA Sion) über die Meile in 3:51,77 und Markus Ryffel (ST Bern) durchbricht in 27:54,99 die 28-Minuten-Marke über 10 000 m. Deutlich sichtbar ist auch der Fortschritt von Stephan Niklaus (LC Basel) im Zehnkampf mit drei Schweizer Rekorden in weniger als zwei Monaten: 7891 Punkte in Götzis, 8072 in Zürich und 8092 in Zug. Bei den Frauen steigert sich Gaby Meier (Old Boys Basel) im Hochsprung mit drei Schweizer Rekorden unwiderstehlich auf 1,90 m. Auf dem gleichen Weg ist Regula Egger (LC Turicum) im Speerwurf mit 60,04 m. Schliesslich wird die junge Corinne Schneider (LC Zürich) mit 5648 Zählern die neue Königin des Siebenkampfs.
Highlights 1982
Wie im letzten Jahr gewinnen Rolf Bernhard und Roland Dalhäuser eine Medaille an den Hallen-Europameisterschaften in Mailand. Der Thurgauer sichert sich Silber im Weitsprung, während sich der Basler – trotz seines Hausrekords (2,32 m) – im Hochsprung mit Bronze begnügen muss. Im Sommer lauten die prominentesten Namen Pierre Délèze mit 3:34,40 Minuten über 1500 m und 3:50,38 über die Meile, Felix Böhni (LC Zürich) mit 5,52 m im Stabhochsprung, René Gloor (TV Länggasse), der im Weitsprung mit 8,07 m die 8-m-Marke übertrifft, und Stephan Niklaus mit 8152 Punkten im Zehnkampf. Bei den Frauen ist Gaby Meier so stark wie nie zuvor und springt in Stuttgart 1,94 m. Trotz eines vielversprechenden Schweizer Teams bleiben Medaillen an den die Europameisterschaften in Athen aus. Lediglich Gaby Meier schlägt sich wacker und wird im Hochsprung mit 1,94 m erneut Vierte. Zum Abschluss der Saison erzielt Bruno Lafranchi (ST Bern) in Fukuoka einen Schweizer Marathonrekord (2:11:12). Zum Vergleich: Die Olympialimite für Tokio steht vierzig Jahre später bei 2:11:30 Stunden.
Highlights 1983
Der erste Schweizer Rekord fällt im März dank Stabspezialist Felix Böhni, der in den USA 5,62 m überspringt. Nach seiner Rückkehr in die Heimat schraubt er seinen Rekord er an den Schweizer Vereinsmeisterschaften in Bern auf grossartige 5,71 m. Auch die Mittel- und Langstrecken warten dank Pierre Délèze’ 3:32,97 Minuten über 1500 m und Markus Ryffels 27:54,88 über 10 000 m mit Rekorden auf. Das Gleiche gilt für Franz Meiers (LV Wettingen-Baden) 49,53 Sekunden über 400 m Hürden. Stephan Niklaus beweist in Lausanne mit einem fabelhaften Schweizer Rekord von 8334 Punkten, dass er zu den besten Zehnkämpfern der Welt gehört. Das Schweizer Team für die Weltmeisterschaftspremiere in Helsinki ist vielversprechend. Stephan Niklaus wird im Zehnkampf mit 8212 Punkten hervorragender Fünfter und Pierre Délèze Sechster über 1500 m. Auf der Strasse senkt Gaby Andersen-Schiess den Schweizer Marathonrekord in Sacramento auf 2:33:25.
Highlights 1984
Die Schweizer Leichtathletik erhält an den Hallen-Europameisterschaften in Göteborg 5 von 5 Punkten. Peter Wirz (ST Bern) gewinnt den Titel über 1500 m, Markus Ryffel, Roland Dalhäuser und Werner Günthör (ST Bern) holen Silber über 3000 m, im Hochsprung und im Kugelstossen, und Sandra Gasser (ST Bern) Bronze über 1500 m. Outdoor-Rekorde realisieren Marcel Arnold (BTV Luzern) mit 45,37 Sekunden über 400 m, Marco Mayrs (Old Boys Basel) mit 1:45,75 über 800 m und Franz Meier mit 49,42 über 400 m Hürden. Für Aufsehen sorgen aber die 20,80 m von Werner Günthör im Kugelstossen. Im Siebenkampf der Frauen in Götzis erreicht Corinne Schneider ein gutes Total von 6110 Punkten. Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles brilliert Markus Ryffel im 5000-m-Finale und gewinnt in 13:07,54 Minuten – bis heute Landesrekord – sensationell die Silbermedaille. Vier weitere Athleten holen sich ein Olympisches Diplom: Werner Günthör im Kugelstossen und Cornelia Bürki (LC Rapperswil-Jona) über 3000 m werden Fünfte, Peter Wirz Sechster über 1500 m und Felix Böhni Siebter im Stabhochsprung.
Highlights 1985
Werner Günthör stösst die Kugel in der Halle in Magglingen auf 21,55 m, dann folgt der einzige Podestplatz des Jahres bei den Hallen-Europameisterschaften in Piräus. Im Sommer läuft Jean-Marc Muster (LAC Biel) die 110 m Hürden zweimal in 13,74 Sekunden, Markus Ryffel verbessert den Schweizer Rekord über 10 000 m auf 27:54,29 Minuten und Roland Hertner (SC Liestal) tut es ihm gleich in 8:25,26 über 3000 m Steeple. Das Kunststück des Sommers gelingt jedoch Pierre Délèze (LC Zürich) bei Weltklasse Zürich über die 1500 m. Vor Olympiasieger Sebastian Coe erreicht der Walliser eine unglaubliche Zeit von 3:31,75. Bei den Frauen knackt Cornelia Bürki die Schweizer Rekorde über 1500 m in 4:02,05 und vor allem über 3000 m in 8:38,71. Rita Heggli (LC Zürich) erbringt Leistungen, die an Meta Antenen erinnern: 13,16 über 100 m Hürden und 6,59 m im Weitsprung. In den Wurfdisziplinen kommen Ursula Stäheli (Old Boys Basel) im Kugelstossen auf 17,58 m und Denise Thiémard (GG Bern) im Speerwerfen auf 63,96 m, während Corinne Schneider im Siebenkampf nun mit 6265 Zählern zu Buche steht.
Highlights 1986
Mit 21,80 m in Magglingen und dem anschliessenden Gewinn des Hallen-Europameistertitels in Madrid hat Werner Günthör seinen Status nochmals erhöht: Er ist jetzt DER Star der Schweizer Leichtathletik. In seinem Sog gibt es einige tolle Leistungen wie die 6,61 Sekunden von Stefan Burkart (Diner TC) über 60 m in der Halle, die 8:22,49 Minuten von Roland Hertner im Hindernislauf, die 16,08 m von Peter von Stockar (ST Bern) im Dreisprung oder die 75,96 m von Rudolf Steiner (ST Bern) im Speerwurf. Bei den Frauen wird Vroni Werthmüller mit 11,39 Sekunden über 100 m die schnellste Frau der Schweiz. Cornelia Bürki läuft die 800 m in 2:00,99 Minuten, Rita Heggli senkt zweimal den Landesrekord über 100 m Hürden mit 13,13 und 13,11 und Ursula Stäheli stösst die Kugel auf 17,78 m. Die Europameisterschaften in Stuttgart sind die Titelkämpfe von Werner Günthör. Mit monumentalen 22,22 m gewinnt der Thurgauer Gold vor den beiden Ostdeutschen Ulf Timmermann und Udo Beyer. Natürlich wird der Hallen- und Freiluft-Europameister auch zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt.
Highlights 1987
Die Hallensaison 1987 ist unglaublich. Werner Günthör bricht in Magglingen den Hallenweltrekord mit 22,26 m! Danach holt er Silber an den Indoor-Europameisterschaften in Liévin und den Hallen-Weltmeisterschaften in Indianapolis. Doch damit nicht genug: Sandra Gasser (ST Bern) siegt in Liévin über 1500 m, Roland Dalhäuser mit 2,32 m im Hochsprung und Rita Heggli im 60-m-Hürdenlauf werden beide Hallen-WM-Vierte und Kugelstösserin Ursula Stäheli lässt sich 18,75 m notieren. Im Sommer purzeln die Rekorde abermals – namentlich die 45,26 Sekunden von Marcel Arnold über 400 m, die 1:45,46 von Gert Kilbert über 800 m, die 59,14 m von Christian Erb im Diskuswurf (LV Winterthur), die 1:58,90 von Sandra Gasser über 800 m, die 13,07 von Rita Heggli über 100 m Hürden und die 64,04 m von Denise Thiémard im Speerwurf. Aber es ist einmal mehr Werner Günthör, der in Lüdenscheid mit 22,43 m und in Helsinki mit 22,47 m neue Massstäbe setzt. An den Weltmeisterschaften in Rom wird er unter den Pfiffen der Tifosi mit 22,23 m erstmals Freiluft-Weltmeister. Über 5000 m verliert Pierre Délèze auf den letzten Metern die Medaille. Ebenfalls WM-Vierte über 1500 m (3:59,90) und 3000 m (8:40,31) wird Cornelia Bürki, die Bronze nur um eine Hundertstelsekunde verpasst. Werner Günthör wird zum zweiten Mal in Folge zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt.
Highlights 1988
An den Hallen-Europameisterschaften in Budapest holen Markus Hacksteiner (TV Windisch) Silber über 3000 m und Gert Kilbert (TV Unterstrass) Bronze über 800 m. Rita Heggli verbessert den Schweizer Rekord über 60 m Hürden auf 8,07 Sekunden. Im Freien steigert Christian Erb (LV Winterthur) seinen Schweizer Diskusrekord auf 64,04 m, während Beat Gähwiler (LC Turicum) in Götzis den Schweizer Zehnkampf-Rekord mit dem neuen Speer auf 8244 Punkte fixiert. Im August stösst Ursula Stäheli die Kugel auf 18,02 m und eine Woche später ist es Werner Günthör – nach einigen Verletzungen zurück im Geschäft –, der in Bern eine der grössten Leistungen überhaupt vollbringt, indem er die Kugel auf bis heute unerreichte 22,75 m stösst! An den Olympischen Spielen in Seoul erobert der Weltmeister mit 21,99 m die Bronzemedaille. Auch Regula Aebi (LV Langenthal) und Anita Protti (Lausanne-Sports) überzeugen in Südkorea. Die Bernerin unterbietet den Schweizer Rekord über 200 m mit einer Zeit von 22,88 zum vierten Mal, während die Waadtländerin die 400 m Hürden in 54,56 Sekunden meistert.
Highlights 1989
Regula Aebi über 200 m und Anita Protti über 400 m setzen mit Silber respektive Bronze die Medaillentradition an den Hallen-Europameisterschaften in Den Haag fort. Markus Trinkler (Hochwacht Zug) unterstreicht seine Form mit Schweizer Rekorden über 800 m in 1:47:26 und über 1000 m in 2:20:73. Im Sommer knackt Markus Ryffel mit 20029 Metern die 20-km-Schallmauer im Stundenlauf und Rudolph Steiner kommt im Speerwurf mit 79,94 m nahe an die 80-m-Marke heran. Regula Aebi absolviert die 200 m erneut in 22,88 Sekunden, während das spannende Duell zwischen Martha Grossenbacher (TV Unterstrass) und Anita Protti über 400 m den Schweizer Rekord erst auf 52,19, dann auf 52,12 zugunsten der Waadtländerin kippen lässt. Letztere wird in Europas 4×400-m-Auswahl für den Weltcup in Barcelona berufen. Auch Werner Günthör kann nach einer durch eine Rückenverletzung unterbrochenen Saison in Katalonien dabei sein. Seine 22,18 m in Bern zeigen, dass er immer noch zur Weltklasse im Kugelstossen zählt. Am Ende der Saison kehrt Sandra Gasser nach zweijähriger Sperre zurück und drückt den Schweizer 1000-m-Rekord auf hervorragende 2:31,51 Minuten.
Highlights 1990
Unter dem Hallendach totalisiert Beat Gähwiler 5729 Punkte im Siebenkampf. An den Indoor-Europameisterschaften in Glasgow erringt Sandra Gasser Bronze über 1500 m. Werner Günthör muss sich im März einer Operation am Rücken unterziehen und wird die ganze Saison ausfallen. Zwei andere prominente Athletinnen springen in die Bresche. An den Schweizer Meisterschaften in Langenthal fordern Anita Protti und Sandra Gasser einander in einem hochstehenden 800-m-Duell: Die Lausannerin setzt sich in 1:59,98 Minuten durch. An den Europameisterschaften in Split gewinnt Protti die Silbermedaille über 400 m Hürden in der Schweizer Rekordzeit von 54,36, während es Gasser über 1500 m zu Bronze reicht. Die 4×400 m-Staffel der Frauen mit Regula Anliker-Aebi, Martha Grossenbacher, Regula Scalabrin (LC Frauenfeld) und Anita Protti landet auf dem 6. Platz, ebenso Beat Gähwiler mit 8146 Punkten im Zehnkampf. Anita Protti beendet die Saison mit einem weiteren Schweizer Rekord über 400 m (51,32).

Sie haben in Torun 2021 Geschichte geschrieben: Ajla del Ponte im 60-m-Sprint und Angelica Moser im Stabhochsprung sorgten in ihren Disziplinen für Premieren und gewannen das erste Schweizer Doppelgold an Hallen-Europameisterschaften seit vierzig Jahren. Zwei Titel am gleichen Anlass – das gab es zuletzt in Grenoble 1981 dank Roland Dalhäuser und Rolf Bernhard.
Mit 2,28 m in Magglingen angereist, meistert Roland Dalhäuser die Schweizer Rekordhöhe auch auf europäischem Parkett. Der 1,91 m grosse Athlet vom TV Birsfelden überflügelt in Grenoble unter anderem den späteren Freiluft-Europameister und Olympiasieger Dietmar Mögenburg und wird dritter Schweizer Hallen-Europameister nach Meta Antenen und Markus Ryffel.
Den Schwung kann der 23-jährige Baselbieter aus Ormalingen in die Freiluftsaison mitnehmen. Beim internationalen Hochsprung-Meeting im baden-württembergischen Eberstadt schraubt Dalhäuser seinen eigenen Outdoor-Rekord von 2,26 auf 2,31 m und darf sein Gewicht – immerhin 86 kg – mit Wein in Form von Trollinger Spätlese aufwiegen.
Doch nicht genug: Der «sympathische Schweizer», wie er vom Stadionspeaker genannt wird, versucht sich gar am Weltrekord (2,36 m) des ostdeutschen Olympiasiegers Gerd Wessig, scheitert auf 2,37 m jedoch denkbar knapp. Mit Wessig hat Dalhäuser 1980 an den Olympischen Spielen heimlich das Trikot getauscht und den Kontakt über die Sportkarriere hinaus aufrechterhalten.
Beflügelt von Auszeichnung zum Schweizer Sportler des Jahres 1981, greift Roland Dalhäuser an den Hallen-Europameisterschaften 1982 in Mailand erneut nach den Sternen. Zwar kann der Schützling von Hans Mohni seinen Europameister-Titel nicht verteidigen, realisiert mit 2,32 m freilich seinen 16. Landesrekord.
Mit Gold 1981, Bronze 1982 und Silber 1984 sammelt Dalhäuser einen kompletten Medaillensatz an der Hallen-EM. Dazu kommen zwei fünfte Plätze an den Olympischen Spielen 1980 und den Indoor-Weltmeisterschaften 1987 in Indianapolis. Mit 2,32 m (gleiche Höhe wie der 20-jährige spätere Überflieger Javier Sotomayor) hievt sich der heutige Leiter eines Alters- und Pflegeheims nochmals in die gleichen Sphären wie zu Beginn der achtziger Jahre. Sein Hallenrekord von 2,32 m hat bislang allen Angriffen standgehalten – genauso wie seine 2,31 m beim ersten von zwei Siegen in Eberstadt 1981/1982.
Begehrte Ostblock-Trikots
Zurück ins Jahr 1981, zurück zu den Hallen-Europameisterschaften in Grenoble. Nur einen Tag nach Roland Dalhäuser doppelt Rolf Bernhard in der Sandgrube nach. Der 32-jährige Routinier vom Arbeiter-Turnverein Frauenfeld knackt erstmals die 8-m-Marke unter dem Hallendach und lässt sich wie Dalhäuser als Europameister feiern. Bernhards 8,01 m bedeuten bis heute Schweizer Indoor-Rekord.
Den ersten von total 19 Landesrekorden hat der Thurgauer bereits 1971 – vor 50 Jahren – an den Schweizer Meisterschaften in Basel aufgestellt. 1975, Anlässlich der Einweihung des Stadions Trinermatte in Zofingen, schafft der vollberufstätige Elektroniker und Riesenschlangenbesitzer Historisches: als erster Schweizer übertrifft er die magische Grenze von 8,00 Metern. Etwas, das dem Sportler des Jahres 1975 unter den Fittichen von Ernst-Peter Huber noch ein Dutzend Mal gelingen sollte.
Speziell: Weil es vom ATV Frauenfeld kein offizielles Vereinsdress gab, vollbrachte der Rekordspringer die denkwürdige Steigerung von 7,99 m auf 8,00 m im Trikot des späteren Europarekordhalters Nenad Stekić. Dieses hatte Bernhard ein Jahr zuvor an der EM in Rom mit dem jugoslawischen Silbermedaillengewinner getauscht. Seinen Exploit führte der EM-Fünfte allerdings auf die neue Technik und den veränderten Anlauf mit (19) kürzeren Schritten zurück.
Dabei vermochte der Arbeitersportler sein Potenzial im Training bis 1974 nicht ganz auszuschöpfen. Da in seiner Heimatstadt Frauenfeld noch keine Kunststoffanlage existierte, die meisten Wettkämpfe jedoch auf einem solchen Belag stattfanden, musste der Amateur nach Feierabend regelmässig nach Zürich ins Sihlhölzli oder nach Aarau ins Stadion Schachen fahren, um mit seinem stärksten Konkurrenten und Disziplinkollegen Linus Rebmann auf der entsprechenden Unterlage zu trainieren.
Rekordsprung am Nationalfeiertag
Was für die Hochspringer Eberstadt, ist für die Weitspringer das österreichische Ebensee. Hier landet Rolf Bernhard am 1. August 1981 seinen grössten Exploit, den «Sprung ins nächste Jahrtausend». 8,14 m messen die Kampfrichter für den dreifachen Olympiateilnehmer und 19-fachen Rekordmann (4 x indoor/15 x outdoor), der sich 1982 mit Hallen-EM-Silber von der internationalen Bühne verabschieden sollte und unterdessen den verdienten Ruhestand geniesst.

Die «Swiss Athletics History Makerin» Sandra Gasser (Jahrgang 1962) gewann von 1984 bis 1993 einen kompletten Medaillensatz an den Hallen-Europameisterschaften über 1500 Meter. Auf derselben Distanz errang sie zwei Bronzemedaillen an der EM 1990 in Split und an der Hallen-WM 1993 in Toronto. Die Leichtathletik hat sie bis heute nicht losgelassen. Für uns blickt die Mittel- und Langstreckentrainerin des STB zurück auf ihre turbulente Karriere und verrät, was sie ihren eigenen Athleten mit auf den Weg gibt.
An welche Momente deiner Karriere erinnerst du dich am liebsten?
Das ist schwierig. Viele Sportler sagen ja, es gebe nicht den einen Moment, sondern ganz viele und jeder Moment hat einen anderen Grund, warum er so einzigartig ist. Etwa die erste SM-Medaille mit 12 Jahren über 600 m, da habe ich geheult vor Freude. Wie später auch an der WM. Oder in der Halle, wo ich 1984 Bronze geholt habe und dann drei Jahre später sogar Gold, obwohl ich vorher dachte, ich würde nie mehr eine Medaille gewinnen. Oder die Hallen-WM 1993, bei der ich gestürzt bin und dann doch noch Dritte wurde. Jeder Moment ist einzigartig. Auch die 800×800-m-Staffel, die mein Verein zu meinem Wiedereinstieg 1989 organisiert hat. Solche Momente haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.
Und welche Momente schmerzen immer noch?
Ganz klar die Bekanntmachung meines Dopingfalls, als ich in Zürich abgeholt wurde und mir Hansjörg Wirz, damals Direktor von Swiss Athletics, mitteilte, dass meine Probe von der WM in Rom positiv gewesen sein soll. Dieser Moment war noch nicht so schlimm, weil ich es nicht glauben konnte und fest überzeugt war, dass es sich um einen Irrtum handle, der sich später aufklären würde. Nachher der Schock und die Erfahrung, was das alles mit sich bringen würde. Wie viel Schmerz. Noch heute ist es wie ein Stich ins Herz, wenn ich über mich lese: «Dopingsünderin». Die Erinnerung an jene Zeit ist zwar verblasst, aber man merkt, dass einen die Vorkommnisse in Rom ein Leben lang begleiten.*
Trotzdem hast du vor und nach der Sperre auch viele schöne Kapitel geschrieben. Wem hast du deine Erfolge zu verdanken oder anders gefragt: Wer war dein persönlicher «Swiss Athletics History Maker-Maker»?
Das waren sicherlich mehrere Personen. Das fängt an bei meinem Nachbar, der mich sozusagen «entdeckt» hat und meine Eltern darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich Talent hätte und meinen Bewegungsdrang in einem Verein ausleben sollte. Dann meine Eltern, die mich immer begleitet haben und wahrscheinlich die grössten Fans von mir waren. Später natürlich die Trainer im STB. Zuerst die Nachwuchstrainer, dann Hans Sommer, der eine wichtige Person war. Nachher mein Mann, Beat Aeschbacher, der zunächst mein Trainingspartner war und später in die Fussstapfen von «Housi» Sommer trat. Daneben hat mir mein Vereinskollege Markus Ryffel eine Teilzeitanstellung in seinem Laufshop ermöglicht, worum ich neben meinen Sponsoren ebenfalls sehr dankbar war.
Was sind die Vorteile, wenn man vom eigenen Lebenspartner trainiert wird?
Der wichtigste Vorteil: Man lebt und erlebt alles zusammen, kann die Dinge mit jemanden teilen, und zwar mit dem engsten Menschen. In meinem Fall war mein Trainer bereit, sein Leben meinem unterzuordnen, damit es funktionierte. Ausserdem war Beat viel involvierter, kannte mich, meine Stärken und Schwächen sehr gut, wusste schon vor dem Training, ob ich müde bin oder nicht.
Gab es auch Reibungspunkte?
Gerade weil man so nah zueinandersteht, verhält man sich zum Teil sehr direkt. Vor allem der Trainer zum Athleten. Da wird nichts in nette Worthülsen verpackt, nur damit es schöner klingt. Das kann manchmal sehr hart sein. Damit muss man umzugehen lernen. Die Kritik zielt ja nicht auf mich als Frau, Partnerin oder Mensch, sondern auf die Athletin – und die will weiterkommen. Das unterscheiden zu können, war nicht immer einfach. Entsprechend war ich auch mal sauer und es kam zu Reibereien.
Wer hat dich als junge Athletin inspiriert?
Zu Beginn sicherlich die Trainingsgruppe. Ich wollte die Beste werden, das dauerte einige Zeit, zumal ich mit Älteren trainierte. Danach orientierte ich mich an der nationalen Spitze, hier natürlich an Cornelia Bürki. Das wiederum war ein Geschenk, weil Cornelia Weltklasse war. So bewegte ich mich bald auch auf internationalem Niveau, ohne dass ich mir dessen bewusst war. Später trat ich gegen internationale Konkurrenz an und wollte irgendwann auch hier die Beste werden.
Die Beste werden – hat dich dieser Wunsch angetrieben?
Am Anfang stand ganz klar die Freude am «Secklä». Das habe ich einfach gern gemacht. Dadurch dass ich danach sehr schnell sehr gut wurde, ging es bald auch um die Leistung. Ausserdem habe ich gemerkt: Ich werde wahrgenommen. Vorher war ich eher unscheinbar gewesen, konnte nichts speziell gut, hatte eher ein schlechtes Selbstvertrauen oder zumindest keinen Grund, ein grosses Selbstvertrauen zu haben. Der Sport hat mir rasch gezeigt: Du bist jemand, du wirst wahrgenommen, das war sicher auch ein Antrieb. Das Schönste aber: Wenn man ausgangs Zielkurve auf die letzten 100 Meter kommt und spürt, ich kann das Rennen gewinnen… Auch wenn es die wenigsten nachvollziehen können: Dieses Gefühl ist unbeschreiblich und primitiv zugleich, aber es ist wahnsinnig schön, die Ziellinie als Erste zu überqueren.
Solche Emotionen erlebt man nur im Spitzensport. Was hat dich deine Laufbahn gelehrt?
Es geht immer weiter, egal an welchem Punkt du stehst. Das ist etwas, das ich ins «richtige Leben» mitgenommen habe. Oft sieht man bei Schicksalsschlägen nicht mehr durch, doch es geht weiter. Heute ist es nicht gut, aber morgen oder übermorgen wird es wieder besser. Bleib dran und glaub daran, dass es gut kommt – wenn du es willst. Diese positive Grundeinstellung habe ich im Sport gelernt und mitgenommen. Man muss allerdings auch etwas dafür tun.
Inwiefern hat dich die Leichtathletik geprägt?
Die Leichtathletik ist immer noch sehr präsent. Ich habe ja nur als Athletin aufgehört, nicht aber als Trainerin. Die Leichtathletik hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. All die Leute, Begegnungen, Ziele, die man sich steckt, erreicht oder nicht erreicht, der ganze Weg bis dahin war in meinem Fall sehr von der Leichtathletik geprägt. Darum sage ich: Ohne Leichtathletik wäre ich wahrscheinlich ein ganz anderer Mensch geworden.
War das mit ein Grund, dass du nach der Karriere auch Trainerin geworden bist?
Das war reiner Zufall – wie schon bei meinen Anfängen als Athletin. Ich wollte eigentlich nie Trainerin werden. Die Athletin sollte im Mittelpunkt stehen, um sie geht es, und der Trainer ist irgendwo im Hintergrund. Das war für mich nicht erstrebenswert. Doch im STB gab es 1996 grad eine Lücke und ich wurde angefragt, ob ich das Amt «vorübergehend» übernehmen könne, was ich dann auch tat. Nach drei Monaten merkte ich, wie toll es ist. Auf diese Art kann ich immer noch dabei sein. Zudem hat sich mein Trainersein seither total verändert: Zu Beginn hat mich nur die Leistung interessiert, ich war auch sehr hart als Trainerin, heute siehe ich meine Arbeit viel ganzheitlicher, betrachte mich als Wegbegleiterin und sehe, was die Athleten mitnehmen für ihr Leben. Natürlich steht die Leistung nach wie vor an erster Stelle, aber der Weg ist viel wichtiger als die Medaille am Schluss.
Was gibst du deinen Athleten denn mit auf den Weg?
Freude am Sport, konsequent Ziele verfolgen, mit Niederlagen umgehen zu können, positives Denken, Stärken und Schwächen erkennen und akzeptieren, Hartnäckigkeit, tolle Erlebnisse, vor allem als Gruppe. Es sind zwar alles Einzelathletinnen und Einzelathleten, aber was sie als Gruppe erleben, hilft ihnen auch später einmal im Leben. Die Zeit – die vielen Jahre –, in denen sie zusammen trainieren und verschiedenen Zielen nachjagen. Gemeinsam im Team etwas zu erreichen, das ist extrem wertvoll.
Und was würdest du im Nachhinein als Athletin anders machen?
Verschiedenes, aber eine meiner wesentlichen Erkenntnisse ist, dass man nicht anfangen darf, sich zu verkrampfen, über-ehrgeizig zu werden. Man muss ein Ziel konsequent verfolgen, muss alles dafür tun und trotzdem soll die Freude im Vordergrund stehen. Es darf nicht zu einer Verbissenheit führen. So wie ich etwa nach der Sperre das Gefühl hatte, unbedingt beweisen zu müssen, dass ich unschuldig bin, indem ich wieder Topleistungen erbringe. Das hat richtiggehend einen Kampf in mir ausgelöst. Doch es darf nicht in einem Kampf ausarten. Einen 1500-m-Lauf zu gewinnen, sollte ein Spiel bleiben. Wenn ich es gewinne, kann ich mich freuen. Wenn ich es verliere, heisst das nicht, dass ich ein Versager bin. Es geht weiter, ich bekomme ein neues Rennen, eine neue Chance. Diese Optik hatte ich damals nicht.
*Der «Fall Gasser» ist bis heute das «grösste Rätsel im Schweizer Sport» (NZZ). Die A- und B-Probe der WM-Dritten von Rom über 1500 Meter waren nicht identisch – die Profile der körpereigenen Steroidhormone stimmten nicht miteinander überein – und deuteten auf fremden (tierischen) Urin. Das Römer Labor verlor später die IOC-Akkreditierung, Sandra Gasser ihren Schweizer Rekord (3:59,06 Minuten) und Podestplatz, nicht aber die Bronzemedaille. Dies im Gegensatz zum italienischen Weitspringer Giovanni Evangelisti, dessen letzter Versuch von den einheimischen Kampfrichtern falsch gemessen wurde (8,38 m statt maximal 7,80 m), wodurch er zunächst als Dritter statt Vierter gewertet wurde…
Sandra Gasser, die sich als «Bauernopfer» des damaligen IAAF- und FIDAL-Präsidenten Primo Nebiolo (ITA) sah, beteuert bis heute ihre Unschuld. Dazu Matthias Kamber, ehemaliger Direktor von Antidoping Schweiz: «Bei einem analogen Laborfehler würde heute wahrscheinlich zugunsten der Athletin entschieden.» Die 1987 angeblich einzige überführte WM-Medaillengewinnerin sass eine zweijährige Dopingsperre ab und startete am 8. September 1989 ihre zweite Laufbahn, ehe sie 1997 vom Spitzensport zurücktrat und sich zur Vereins- und Verbandstrainerin ausbilden liess.

Ob ohne oder mit internationaler Medaille: Cornelia Bürki (LC Rapperswil Jona) und Sandra Gasser (STB) haben in den achtziger Jahren als erste Schweizerinnen die mythischen Marken von 4:00 und 2:00 Minuten über 1500 m respektive 800 m unterboten.
Leichtathletik-WM 1987 im Römer Olympiastadion: Pierre Délèze verpasst das Podest über 5000 m um einen Rang – sein weibliches Pendant Cornelia Bürki über 3000 m gar nur um eine Hundertstelsekunde (obwohl sie die Brust im Zielfilm vor ihrer Widersacherin hatte). Die Enttäuschung ist im ersten Moment gross, doch viel Zeit bleibt der Olympiafünften von 1984 (3000 m) nicht, um der Medaille nachzutrauern.
Fünf Tage nach den 3000 m stürmt die Athletin vom LC Rapperswil-Jona auch über 1500 m auf Rang 4. Noch mehr: In 3:59,90 Minuten bleibt die 1,60 m kleine Läuferin mit dem grossen Kampfgeist das einzige Mal unter der Schallmauer von 4 Minuten. Sandra Gasser ist im gleichen Rennen zwar noch schneller, wird aber nachträglich disqualifiziert. Bis zu den mysteriösen, weil nicht identischen A- und B-Proben im Römer Dopinglabor ist es die beste Saison der Hallen-EM-Dritten von 1984 gewesen.
Rekordjagd auf der Unterdistanz
Hallen-Europameisterschaften 1987 in Liévin: Anders als ihr STB-Vereinskollege Werner Günthör, der sich dem DDR-Athleten Ulf Timmermann sowohl an der Indoor-EM- als auch an der -WM beugen muss, lässt Gasser über 1500 m alle «Staatsamateurinnen» hinter sich. Die Schweiz hat erstmals seit Meta Antenen 1974 wieder eine Hallen-Europameisterin!
Gassers Rekordjagd ist lanciert: Obwohl nicht ihre Paradestrecke, sprengt sie im deutschen Fürth als erste Schweizerin die 2-Minuten-Grenze über 800 m. An den Schweizer Meisterschaften in Bern schafft sie 1:59,49 im Alleingang, später beim ISTAF in Berlin sogar 1:58,90. Eine Zeit, die erst im Jahr 2015 Selina Büchel, ebenfalls Hallen-Europameisterin, unterboten wird.
Schweizer Siege in Zürich…
Zurück auf ihrer Paradestrecke, den 1500 m, triumphiert Sandra Gasser auch auf der grössten internationalen Bühne der Schweiz – bei Weltklasse Zürich 1987, seit 1981 unterstützt von Hauptpartner UBS.
Einheimische Siegerinnen sind rar im Letzigrund. Die letzte heisst Cornelia Bürki und begeistert das Heimpublikum 1977 gleichermassen über 1500 m. Die 1953 in Südafrika geborene Spätzünderin startet wie Délèze 15-mal in Zürich und lässt sich 1985 von den Zuschauern zum Meilenrekord tragen.
…und in Lausanne
Nicht minder beliebt ist Cornelia Bürki beim Meeting «Athletissima Lausanne», das 1977 erstmals im Stade Pierre-de-Coubertin über die Bühne geht. Bei der zweiten Austragung 1978 läuft die Schweizer Sportlerin des Jahres zum Sieg in Rekordzeit (4:07,71). 1985 wiederholt sie ihren Coup und nähert sich der magischen 4 Minuten (4:03,78). Es ist die Dernière in «Vidy». Ab 1986 findet das internationale Meeting im Stade Olympique de la Pontaise statt.
Cornelia Bürki hinterlässt ihre Spuren auch ausserhalb der Stadien – international mit zwei fünften Plätzen an der Cross-WM, national mit dem Sieg beim Murtenlauf 1981. Den Basler Stadtlauf gewinnt die zweifache Mutter fünf Mal, den Luzerner Stadtlauf sogar sechs Mal, den Zürcher Silvesterlauf und den Schweizer Frauenlauf in Bern je zweimal.
Während die helvetische Fahnenträgerin an den Olympischen Spielen 1988 in Seoul 1989 nach rekordverdächtigen 47 Schweizer Meistertiteln und 26 Landesrekorden kürzertritt, um sich ihre schwerbehinderte Adoptivtochter zu pflegen, kehrt Sandra Gasser zurück auf die Bahn – und wie.
Doch noch eine WM-Bronzemedaille
Im ersten Rennen nach der zweijährigen Sperre absolviert die Bernerin die zwei Bahnrunden in Bern abermals unter 2 Minuten (1:59,35). Nur vier Tage später rennt sie die 1000 Meter im spanischen Jerez so schnell wie keine Schweizerin vor und nach ihr und verfehlt den damaligen Weltrekord in 2:31,51 bloss um 74 Hundertstel.
Über 1500 m gewinnt die Hallen-Europameisterin von 1987 und Hallen-EM-Dritte von 1984 drei weitere internationale Medaillen: Silber und Bronze an der Indoor- und Outdoor-EM 1990 sowie Bronze an den Hallen-Weltmeisterschaften in Toronto, die sie, bereits am Boden, mit letzter Kraft erkämpft. Und auch die WM-Bronzemedaille von Rom 1987 durfte die Swiss Athletics History Makerin und heutige STB-Trainerin behalten…

Olympiasilbermedaillengewinner Markus Ryffel (5000 m) gibt in den achtziger Jahren den Ton an auf den Langstrecken. Auf den Mittelstrecken hingegen sind es seine Mitstreiter Pierre Délèze (CA Sion/LC Zürich) und Peter Wirz (STB/LCZ), die in die Weltklasse laufen.
Pierre Délèze, bereits Bronze- und Silbermedaillengewinner an der Junioren-EM 1977 respektive Universiade 1979 über 1500 m, hat an den Hallen-Europameisterschaften 1980 in Sindelfingen keine Angst vor grossen Namen. In 3:38,9 Minuten pulverisiert der 21-jähirge Walliser vom CA Sion seinen tags zuvor aufgestellten Schweizer Rekord und sprintet hinter dem einheimischen Europameister Thomas Wessinghage zu seiner einzigen internationalen Medaille auf Elitestufe.
Noch schneller läuft der Protegé von Jean-François Pahud im Sommer 1980 bei Weltklasse Zürich. In 3:33,8 Minuten drückt der Geschichtsstudent seinen Rekord um fast 3 Sekunden und wird Vierter im internationalen Topfeld. 1983 bleibt der WM-Sechste in Zürich gar erstmals unter 3:33 Minuten und wird Zweiter. Délèze’ grosse Stunde im legendären Letzigrund schlägt dann 1985.
Olympiasieger-Bezwinger
15-mal startet Délèze bei Weltklasse Zürich, dreimal läuft er Schweizer Rekord, zweimal wird er Zweiter, und einmal siegt er. In einem entfesselten Lauf in bis heute unerreichten 3:31,75 Minuten bezwingt er nicht irgendjemanden, sondern den erfolgreichsten Mittelstreckenläufer seiner Zeit: Sebastian Coe, Olympiasieger 1980 und 1984 über 1500 m, Olympia-Zweiter 1980 und 1984 über 800 m, neunfacher Weltrekordmann und von 1979 bis 1984 selbst fünffacher Sieger im Letzigrund. «In 3:32,13 Zweiter zu werden, ist keine Schande», zollt der heutige Präsident von World Athletics seinem Schweizer Besieger Respekt. Für Pierre Délèze ist es der Höhepunkt seiner Karriere.
Weniger Glück hat der Olympiasieger-Bezwinger an grossen Meisterschaften: An den Spielen in Moskau 1980 scheidet er im Vorlauf über 1500 m aus. Vier Jahre später stürzt Délèze in Los Angeles, touchiert durch den britischen Weltrekordhalter Steve Ovett, vor dem sicher geglaubten Halbfinaleinzug, was ihm zu Hause den nationalen Titel «Pechvogel des Jahres» der DRS-Hörerinnen und -Hörer einträgt.
Peter statt Pierre im Olympiafinal
Peter Wirz springt in die Bresche. Im Frühjahr 1984 Hallen-Europameister über 1500 m, läuft der Brienzer vom STB im Halbfinal persönliche Bestzeit (3:35,83) und wird im Olympiafinal mit einem gebrochenen Fussknochen Sechster.
Der Schützling von Hans Sommer, Heinz Schild und später Peter Coe wird seit 1981 – erste Achillessehnen-OP mit 21 Jahren – immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen. Schuld daran ist zum einen sein «harter Grind» im Training und die kurze Regenerationszeit als Betriebsplaner. Zum anderen der ausgesprochene Vorfusslaufstil, der den dreifachen Schweizer Meister über 800 m und 1500 m selbst über die längere Mittelstrecke zu einem Sprintschuh greifen lässt.
Nach einem Achillessehnen-Teilabriss an den nationalen Titelkämpfen 1990 in Langenthal tritt Wirz im Alter von 30 Jahren zurück. Danach macht er Karriere als Produktedesigner und entwirft unter anderem den normierten gelben Briefkasten der Schweizerischen Post.
WM-Ledermedaille
Auch Pierre Délèze rappelt sich wieder auf. Nach dem Umstieg auf die 5000 m kämpft «Pierrot» an der WM in Rom 1987 hinter Olympiasieger Saïd Aouita bis auf den letzten Metern um eine Medaille. Es bleibt bei der «Médaille en chocolat» – wie schon bei der Junioren-WM 1977 im Crosslauf. Zwischen 1977 und 1987 stellt der heutige Berufsschullehrer acht Schweizer Freiluft-Rekorde von 1000 bis 2000 m auf, den letzten anlässlich von Athletissima Lausanne 1987 (4:54,46).

Mit elf internationalen Medaillen, 19 Schweizer Meistertiteln und 20 Rekorden, darunter ein Weltrekord in Magglingen, ist Werner Günthör der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet der Geschichte. Den zweiten Freiluft-WM-Titel in Tokio 1991 konnte man am wenigsten erwarten. «Im Land der aufgehenden Sonne ging auch Günthörs Stern wieder auf», wie das Swiss Athletics Magazin vor zehn Jahren schrieb. Wir haben den Artikel passend zu den Olympischen Spielen an gleicher Stätte wieder aufgefrischt.
Perfekte Organisation, ausserordentlich nette, aber zurückhaltende Menschen. Menschen, die geduldig auf ein Autogramm warten – in Einerkolonne. Und, ach ja, schwüles Klima. So schwül, dass der Schweiss aus allen Poren troff. Blickt Werner Günthör auf den Grossanlass in Japan zurück, hat er vor allem solche Bilder vor Augen. 1991 fanden die Welttitelkämpfe in der Hauptstadt Tokio statt, und Günthör gehörte neben Sprinter Carl Lewis und Weitspringer Michael Powell (beide Weltrekord) zu den 29 Goldmedaillengewinnern. Für den damals 30-jährigen Athleten des LC Zürich war es der zweite von drei Weltmeistertiteln in Folge, nachdem er sich die Krone bereits 1987 in Rom hatte aufsetzen lassen. Ein Kunststück das vor und nach ihm nur noch einem Schweizer Leichtathleten gelang: André Bucher, 2001 in Edmonton.
Ein Riesencomeback
Doch zurück zu Günthör, zurück nach Japan. Obwohl als Hallen-Weltmeister angetreten: Erwarten konnte man seinen Sieg nicht. Im Winter 1989 hatte sich der dreifache Schweizer Sportler des Jahres bei einem Abstecher in die Bobszene schwer verletzt. Diagnose: Bandscheibenvorfall. Seine Karriere hing an einem seidenen Faden. 1990 folgten Operation und eine Partnerschaft mit einem Wasserbetthersteller. 1991 gab Günthör sein Comeback.
Ein Riesencomeback, und zwar sprichwörtlich. Mit 128 Kilogramm, verteilt auf zwei Metern Länge, verkörperte er den grossen, kräftigen Mann. Kein Wunder, erstarrte manch kleinwüchsiger Japaner vor Ehrfurcht. Ausserhalb des Rings erwies sich «Kugel-Werni» indes als sanftmütiger Riese. Ein Riese, der «im Grossen und Ganzen» alles richtig gemacht hat.
«History Maker-Maker» Werner Dietrich und Jean Pierre Egger
Schon als kleiner Junge warf Werner Günthör, aufgewachsen im Thurgauischen Uttwil, die Steine am Bodenseeufer weiter als all seine Kollegen. Entdeckt und gefördert wurde er von Trainerlegende Werner Dietrich. Günthörs Vielseitigkeit und für derartige «Kolosse» geradezu stupende Athletik waren sein Trumpf.
Ehe ihn sein Vorbild und späterer Mentor Jean-Pierre Egger zum Kugelstossen überredete, machte er als Junioren-Speerrekordhalter (71,72 mit dem alten Speer) auf sich aufmerksam. Den Diskus schleuderte er 1985 auf 54,48 m und als beim Länderkampf gegen Holland 1988 in Hengelo der Schweizer Hochspringer ausfiel, sprang Günthör nicht nur in die Bresche, sondern zwei Meter hoch (seine persönliche Bestleistung steht bei 2,02 m).
Das fehlende Olympiagold
«Klar, hätte man im Detail noch einige Dinge verbessern können», sinniert Günthör, der mit 22,75 m, 1989 erzielt in Bern, immer noch in den Top Ten der ewigen Weltbestenliste figuriert. Dem Olympiatitel etwa, dem ersten eines Schweizer Leichtathleten überhaupt, trauerte er lange nach. Es hat nicht sollen sein. 1984 in Los Angeles wurde der Wahl-Berner, damals noch beim STB, Fünfter, acht Jahre später in Barcelona Vierter (zermürbt durch eine Kampagne des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» kurz vor dem Wettkampf).
Am nächsten dran war Günthör 1988 in Seoul, als er mit 21,99 m die bronzene Auszeichnung gewann. Im Unterschied zur Gegenwart fristete Kugelstossen noch kein Randsportartendasein. Die Disziplin wurde von den Medien zum «Kampf der Titanen» stilisiert, exzellent vermarktet als sportliche Schlacht zwischen dem «guten» Westen und dem «bösen» Osten. Dass sich in diesem Umfeld ein «neutraler Schweizer» zu behaupten vermochte, war für die islamische Republik Mauretanien sogar Anlass, Günthör 1988 eine Briefmarke zu widmen – lange bevor der hiesige Run auf Roger Federers Konterfei losging.
Rücktritt auf dem Höhepunkt
Den ersten Leistungszenit hatte Werner Günthör da bereits erreicht. Den zweiten leitete er in Tokio ein. Noch zwei Jahre Spitzensport gaben ihm die Ärzte nach der Operation. Es sollten drei werden. «Ich wollte stets auf dem Höhepunkt abtreten, das konnte ich nicht nach dem vierten Platz in Barcelona.» 1993 in Stuttgart war es so weit, der Kreis geschlossen: Im Neckarstadion hatte Günthör seine internationale Karriere 1986 mit dem EM-Titel und ersten 22-m-Stoss lanciert, sieben Jahre später beendete er sie mit dem dritten WM-Titel in Serie.
Eine ruhige Kugel schieben mochte Werner Günthör in der Folge nicht. Nach dem Diplom als Sportlehrer und Spitzensporttrainer von Swiss Olympic betätigte er sich während vier Jahren als Nationaltrainer «Wurf» beim Leichtathletik-Verband. Gleichzeitig kümmerte er sich um die Ausbildung innerhalb des Bundesamts für Sport (BASPO), wobei sein technisches Wissen zwischenzeitlich auch beim Schweizer Fernsehen gefragt war. Heute organisiert der bald 60-Jährige Führungen und Events in Magglingen und nimmt diverse Repräsentationsaufgaben wahr.
Und welchen Ratschlag würde der erfolgreichste «Swiss Athletics History Maker» der nächsten Generation mitgeben? «Das Wichtigste ist, dass man Spass hat an der Sache, seinen eigenen Weg geht und sich über die persönlichen Fortschritte freut, statt sich immer mit den anderen zu vergleichen.»
Die dritte Dekade (1991 - 2000)

Darf man die 1980er Jahre als «goldenes Zeitalter» der Schweizer Leichtathletik bezeichnen, so brauchen sich auch die 1990er Jahre nicht zu verstecken. Zu Beginn des Jahrzehnts gehört die Bühne Werner Günthör, Anita Protti, Sandra Gasser und Julie Baumann, doch die nächste Generation um Mathias Rusterholz, Daria Nauer, Anita Weyermann, Franziska Rochat-Moser, Marcel Schelbert und André Bucher steht bereit. Hier die Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse der Jahre 1991 bis 2000.
Highlights 1991
Werner Günthör (ST Bern) und Anita Protti (Lausanne-Sports) setzen die Tradition an den Hallen-Weltmeisterschaften in Sevilla fort. Der Ostschweizer, der seit September 1989 keinen Wettkampf mehr bestritten hat, kehrt mit dem Gewinn des Hallenweltmeistertitels im Kugelstossen mit 21,17 m in die Weltspitze zurück, während die Westschweizerin über 400 m mit starken 51,41 m Bronze holt. Am gleichen Wochenende verbessert Hansjörg Brücker (LC Stein Baden) in Los Angeles den Marathonrekord mit einer Zeit von 2:11:10 um zwei Sekunden. Im Sommer bricht Markus Trinkler (Hochwacht Zug) bei Weltklasse Zürich den nationalen Rekord über 800 m mit ausgezeichneten 1:45,24 Minuten, während die Ex-Kanadierin Julie Baumann-Rocheleau (LC Zürich) den Rekord über 100 m Hürden viermal von 13,07 auf 12,76 Minuten verbessert. An den Weltmeisterschaften in Tokio gelingt es Werner Günthör (LC Zürich), seinen 1987 in Rom errungenen Weltmeistertitel mit einem Wurf von 21,67 m zu verteidigen. Über 400 m Hürden läuft Anita Protti zur Höchstform auf und wird mit einem hervorragenden Schweizer Rekord von 54,25 Sechste. Die beiden Stars der Schweizer Leichtathletik sind die logischen Sieger bei der Wahl zum Schweizer Sportler des Jahres.
Highlights 1992
Unter dem Hallendach ist Martha Grossenbacher (TV Unterstrass) mit Schweizer Rekorden über 50 m in 6,32 und über 60 m in 7,27 Sekunden so schnell wie noch nie. Auch Julie Baumann glänzt über 60 m Hürden mit 7,95, verpasst aber an den Hallen-Europameisterschaften in Genua den Final. Im Frühjahr absolviert Franziska Moser den Marathon in Paris in 2:33:09 und unterbietet den Rekord von Gaby Andersen-Schiess um 16 Sekunden. Auf der Sprintstrecke regiert das Zürcher Duo vom Diners Track Club, Stefan Burkart und David Dollé. Der Meister legt mit einem Schweizer Rekord von 10,32 in Lausanne vor, doch der Schüler zieht mit zwei 10,30-Zeiten in La Chaux-de-Fonds und Meilen nach. Von den 16 Athleten, die an den Olympischen Spielen in Barcelona starten, kann nur Werner Günthör von sich behaupten, Medaillenambitionen zu hegen. Obwohl alles auf einen Olympiasieg hindeutet, muss der sanftmütige Riese, wie schon zwei Jahre zuvor, eine Kampagne des «Spiegel» über sich ergehen lassen. Im Kugelstossfinal verpasst der Thurgauer den Sprung aufs Podest und wird mit 20,91 m Vierter.
Highlights 1993
Die Schweizer Delegation kann sich an den Hallen-Weltmeisterschaften in Toronto über zwei weitere Podestplätze freuen: Julie Baumann gewinnt den Weltmeistertitel über 60 m Hürden mit einer Zeit von 7,96 und Sandra Gasser (ST Bern) Bronze in einem epischen Rennen über 1500 m (sie stürzt vor der Ziellinie und rettet die Medaille mit einer Hechtrolle). An den Schweizer Staffelmeisterschaften in Lausanne kommt es zu einem spannenden Duell zwischen dem LC Zürich und Stade Genève, das in 39,32 mit einem beeindruckenden Schweizer Vereinsrekord für den LCZ endet. David Dollé, der Leader dieses LCZ-Teams, senkt in Meilen seine Zeiten auf 10,25 über 100 m und 20,43 über 200 m. An den Weltmeisterschaften in Stuttgart erreicht die 4x400m-Staffel der Frauen (Helen Burkart/Regula Zürcher/Marquita Brillante/Katrin Lüthi) eine hervorragende Endzeit von 3:28,52. Werner Günthör beendet seine Karriere als Favorit im Kugelstossen und gewinnt mit einem Wurf von 21,97 m seinen dritten Weltmeistertitel in Folge. In der Deutschschweiz liebevoll «Kugel-Werni» genannt, wird der dreifache Sportler des Jahres für immer einer der bekanntesten und erfolgreichsten Sportgrössen des Landes sein.
Highlights 1994
Die Saison beginnt auf der Strasse in Mailand mit einem Schweizer Rekord von Hansjörg Brücker im Halbmarathon mit 1:03:31. Im September in Oslo gelingt es Arnold Mächler (TV Wägital), diese Zeit um eine weitere Sekunde zu senken. Über 10 km glänzt Daria Nauer (TV Länggasse) in Vancouver mit 32:55 Minuten, ehe sie es auf der Bahn krachen lässt: Schweizer Rekord über die 5000 m in Berlin mit 15:13,93. Den Höhepunkt erreicht die Bernerin an den Europameisterschaften in Helsinki, wo sie im 10 000-m-Lauf die Bronzemedaille in der immer noch gültigen Rekordzeit von 31:35:96 Minuten gewinnt. Ebenfalls in Helsinki meistert Mathias Rusterholz (TV Herisau) seine 400-m-Läufe perfekt und verdient sich in 45,96 Sekunden – wie Nauer – die Bronzemedaille. Am Ende der Saison läuft Franziska Moser den Halbmarathon in Uster in 1:11:38 und pulverisiert dann den Schweizer Marathonrekord, den Elisabeth Krieg (TV Länggasse) im vergangenen Mai in Hannover um acht Sekunden unterboten hat. Mit einer Zeit von 2:27:44 in Frankfurt etabliert sich die STB-Athletin als eine der besten Läuferinnen der Welt über diese legendäre Distanz.
Highlights 1995
Zur Hälfte des Jahrzehnts rücken die Sprinter ins Zentrum. Über 100 m trommelt David Dollé in Jona eine Zeit von 10,22 auf die Bahn. Anschliessend stürmt er in La Chaux-de-Fonds in 10,16 zum Schweizer Rekord. An diesem Tag im Charrière-Stadion erzielen etliche Schweizer Sprinter Bestleistungen, darunter Kevin Widmer (Stade Genève), der in 10,24 über 100 m gestoppt wird und mit 20,41 einen Schweizer Rekord über 200 m aufstellt. Auf der Bahnrunde wird Mathias Rusterholz immer stärker; in 45,24 lässt er Marcel Arnold (LCZ) in Bellinzona um zwei Hundertstel hinter sich. Der Appenzeller ist auch der «Anchor Man» der 4x400m-Staffel an den Weltmeisterschaften in Göteborg. Zusammen mit Laurent Clerc (Stade Genève), Kevin Widmer und Alain Rohr (TV Länggasse) realisiert «Rusti» in 3:03,91 einen vielversprechenden Schweizer Rekord. Bei den Frauen belegt Julie Baumann einen glänzenden fünften Platz über 100 m Hürden in 12,95 m, während Sieglinde Cadusch (TV Unterstrass) in Marietta den Schweizer Rekord im Hochsprung auf 1,95 m schraubt.
Highlights 1996
Im Jahr des olympischen 100-Jahr-Jubiläums sticht ein Mann heraus: Mathias Rusterholz. Seinen Leistungszenit erreicht er bei Athletissima Lausanne, wo er den eigenen Schweizer Rekord über 400 m knapp unter 45 Sekunden (44,99) fixiert. An den Olympischen Spielen in Atlanta setzt die 4×400-m-Staffel ihren Höhenflug in der gleichen Besetzung wie in Göteborg fort und erzielt eine Zeit von 3:03,05. In Atlanta führt Julie Baumann die Nationalmannschaft weiterhin an, aber ihre 12,86 über 100 m Hürden reichen nicht für den Einzug ins Finale. Viersprechend sind die Youngsters André Bucher (LR Beromünster/20 Jahre) in 1:46,41 über 800 m und vor allem Anita Weyermann (GG Bern/19 Jahre), die nach den 5000 m in Rom in 14:59,28 als einzige Olympiafinalistin den 14. Platz in 15:19,91 erreicht. Zum Abschluss der Strassensaison verbessert Stéphane Schweickhardt (CABV Martigny) in Palma de Mallorca den Halbmarathonrekord um 41 Sekunden auf 1:02:49, während seine Kantonskollegin Ursula Jeitziner (TV Naters) beim Halbmarathon in Breda in 1:10:31 den nationalen Rekord von Moser um mehr als eine Minute unterbietet.
Highlights 1997
Die Weltmeisterschaften in Athen bilden das Hauptziel für die Schweizer Athleten, aber nur sechs können sich qualifizieren. Anita Weyermann ragt wieder heraus und läuft souverän gegen die Weltelite über 1500 m. Ihr jugendlicher Leichtsinn, kombiniert mit einem im Laufsport selten gesehenen Durchsetzungswille, ermöglicht es ihr, im Alter von 20 Jahren eine WM-Bronzemedaille in 4:04,70 zu gewinnen. Ebenfalls eine Finalklassierung erläuft sich Franziska Rochat-Moser als Achte im Marathon. In der Folge verbessert Anita Weyermann bei Weltklasse Zürich mit 8:37,69 den Schweizer Rekord von Cornelia Bürki über 3000 m um eine Sekunde. Die andere grosse Überraschung des Abends ist der Schweizer Rekord über 400 m Hürden von Marcel Schelbert (LC Zürich) in 49,38, eine Leistung, die er zwei Wochen später in Catania mit 49,33 bestätigt. Zum Abschluss der Saison erreicht Stéphane Schweickhardt beim Halbmarathon in Kosice eine Rekordzeit von 1:01:26. Für die grösste Sensation des Herbstes sorgt jedoch Murtenlaufsiegerin Franziska Rochat-Moser mit ihrem grandiosen Triumph beim prestigeträchtigen New York City Marathon in 2:28:43.
Highlights 1998
Auch wenn die Schweizer Leichtathleten bei internationalen Hallenwettkämpfen nicht mehr glänzen, so fallen doch einige Indoor-Rekorde, wie die 20,99 von Kevin Widmer über 200 m, die 7,69 von Raphaël Monachon (CA Courtelary) über 60 m Hürden sowie die 22,96 von Mireille Donders (TV Länggasse) an den Hallen-Europameisterschaften in Valencia. Im Sommer ist es die Europameisterschaft in Budapest, die die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im 800-m-Lauf beweist André Bucher sein Talent und gewinnt in 1:45,04 Minuten die Silbermedaille. Anita Weyermann bestätigt mit Bronze über 1500 m, dass sie zu den Besten gehört, während die 4×400-m-Männerstaffel mit einem fünften Platz in der Rekordzeit von 3:02,91 Minuten stärker denn je auftritt. An den Schweizer Meisterschaften in Frauenfeld verbessert Raphaël Monachon den Schweizer Rekord über 110 m Hürden um sechs Hundertstel auf 13,68. Bei den internationalen Meetings schliesslich stellt André Bucher in Zürich in 1:44,96 einen hervorragenden Schweizer Rekord über 800 m auf, während Anita Weyermann zwei bis heute gültige Rekorde auf die Bahn zaubert: in Bellinzona mit 4:23,92 über die Meile und dann 3:58,20 in Monaco über 1500 m, eine internationale Spitzenzeit.
Highlights 1999
Anita Weyermann und André Bucher setzen ihre Erfolgsgeschichte fort. Im Winter wird die Bernerin in Velenje Crosslauf-Europameisterin und verbessert dann in Rom mit 8:35,83 Minuten ihren nationalen Rekord über 3000 Meter um fast zwei Sekunden. Es folgen 4:24,32 Minuten in Nizza über die Meile und 3:59,82 Minuten in Zürich über 1500 m. Auch der Luzerner ist nicht zu stoppen; in Langenthal läuft er in 2:15,66 Minuten einen 1000-Meter-Rekord, gefolgt von zwei Spitzenleistungen über 800 Meter: starke 1:44,27 Minuten in Oslo und fabelhafte 1:42,92 Minuten in Brüssel. Dieses Mittelstrecken-Duo wird durch Marcel Schelbert ergänzt. In Palma de Mallorca startet der Zürcher seine atemberaubende Entwicklung über 400 m Hürden mit Zeiten von 48,89 und 48,77, um dann bei Weltklasse Zürich in 48,52 zu glänzen. In der Tat haben wir noch nichts gesehen, denn im WM-Final von Sevilla ergattert sich Schelbert dank einer unglaublichen Aufholjagd auf der Zielgeraden die Bronzemedaille in 48,13 Sekunden! Seine Klasse kommt auch der 4×400-m-Staffel zugute, die mit 3:02,46 Minuten einen Schweizer Rekord aufstellt. Weitere Leistungen verdienen eine Erwähnung: die 6,60 des Genfers Cédric Grand über 60 m in der Halle, die 3:35,87 von Peter Philipp (BTV Chur) über 1500 m und die 13,61 von Ivan Bitzi (LV Horw) über 110 m Hürden. Auf der Strasse schließlich läuft Franziska Rochat-Moser den Boston-Marathon in 2:25:51; leider ist diese Point-to-Point-Strecke wegen des zu grossen Höhenunterschieds nicht homologiert.
Highlights 2000
Die Millenium-Saison beginnt mit Alain Rohrs fantastischem Indoor-Rekord von 45,92 über 400 m. Im olympischen Jahr ruhen alle Medaillenhoffnungen auf den Schultern von André Bucher. Mit einer Zeit von 1:14,96 über 600 m, 1:43,12 über 800 m und 2:15,73 über 1000 m ist der Luzerner bereit für die Spiele in Sydney. Im 800-m-Final sind noch 200 m zu absolvieren und alles scheint perfekt zu laufen – bis der Italiener Andrea Longo den Ellbogen ausfährt und den Schweizer aus der Bahn wirft! Bucher versucht, auf der Zielgeraden noch einmal zurückzukommen, doch vergeblich: Er beendet das Rennen auf dem fünften Platz, 32 Hundertstel vom Olympiasieg entfernt. Seine Wahl zum Schweizer Sportler des Jahres macht die Enttäuschung nicht ganz wett, doch der Swiss Athletics History Maker wird 2001 stärker zurückkommen denn je. Sabine Fischer (LC Rapperswil-Jona), die mit 4:05,14 bei Weltklasse Zürich grosse Fortschritte gemacht hat, wird Olympianeunte über 1500 m. Auf Schweizer Boden pushen sich die Hürdensprinter gegenseitig zu Landesrekorden: Paolo Della Santa (SFG Bellinzona) mit 13,55 in Zofingen und Raphaël Monachon mit 13,48 in Freiburg.

Genau ein Jahrzehnt nach Cornelia Bürki (LC Rapperswil-Jona) und Sandra Gasser (STB) steht mit Anita Weyermann (GGB) 1997 wieder eine Schweizerin im WM-Final über 1500 m. Die damals erst 19-jährige Bernerin gewann nicht nur als erste Schweizer Leichtathletin eine WM-Medaille, sondern auch die Herzen der Fans.
Ihre Grossanlasstaufe erlebte Anita Weyermann schon 1996 an den Olympischen Spielen in Atlanta. Bei der 5000-m-Frauenpremiere stösst die Schweizer Rekordhalterin bis in den Final vor. An den Weltmeisterschaften 1997 in Athen, der Wiege der Olympischen Spiele, will die ehrgeizige Bernerin allerdings nicht mehr auf dem 14. Schlussrang landen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und genau diesen bahnt sich das 1,62 m kleine und 50 kg leichte Laufküken im Feld der weltbesten 1500-m-Läuferinnen frei, um mit den Beinen, Armen und dem Herzen die Bronzemedaille buchstäblich zu «erringen».
Legendäres Bonmot
Anita Weyermann, wie sie leibt und lebt. Eine Kämpfernatur, die immer alles gibt und – wenn es sein muss – ihren Willen auch mal untypisch schweizerisch durchsetzt. Kultstatus erlangt die erste helvetische WM-Medaillengewinnerin aber nicht durch ihre «Schwimmeinlage» in der griechischen Hitze des Gefechts, sondern durch ihr legendäres Interview direkt nach dem überstandenen Vorlauf: «Im Halbfinal gibts einfach nichts, da gilts einfach: Gring abe u vou seckle! Und dann hoffe ich, dass es reichen wird.»
«Gring abe u seckle!»: Mit diesem Spruch hat Anita Weyermann die Herzen der Fans im Sturm erobert. Ihre kecke, unbeschwerte Art macht das Berner Modi aus Gümligen zu einem Liebling des Schweizer Sports, zu einer Leistungs- und Sympathieträgerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und stattdessen frisch von der Leber weg plaudert.
Auf WM- folgt EM-Bronze
Dass der Gewinn der WM-Bronzemedaille keine Eintagsfliege war, beweist Anita Weyermann 1998 an den Kontinentaltitelkämpfen in Budapest. Kurz vor André Buchers Silberlauf über 800 m legt die Maturandin ihre sportliche Reifeprüfung ab: EM-Bronze hinter der russischen Doppelolympiasiegerin Svetlana Masterkova und der portugiesischen Weltmeisterin Carla Sacramento.
So erfrischend ihre Erscheinung war, so sprunghaft und unstetig verläuft Weyermanns Karriere. Top oder Flop. Medaille oder Letzte. Weltklasse oder verletzt. Aus der jungen, ungestümen Powerfrau sprudelt eine Energie, die ihre Trainer und Betreuer in der Gymnastischen Gesellschaft Bern und bei Swiss Athletics bisweilen verzweifeln lässt.
Immer noch vierfache Rekordhalterin
Einzig ihrem Vater Fritz Weyermann gelingt es, den Bewegungsdrang der Tochter einigermassen zu bändigen oder zumindest in geordnete Bahnen zu lenken. Zu Weyermanns Highlights gehören die bis heute unerreichten Schweizer Rekorde über 1500 m (3:58,20), die Meile (4:23,92), die 3000 m (8:35,83) und 5000 m (14:59,28), alle aufgestellt zwischen 1996 und 1999.
Unvergessen Weyermanns Auftritt bei Weltklasse Zürich 1999, als die einstige Vorprogrammstarterin zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn unter den magischen vier Minuten bleibt und das Publikum im ausverkauften Letzigrund als Zweitplatzierte von den Sitzen reisst. Die vielseitig talentierte Schweizer Sportlerin des Jahres 1999, die noch bis zum ersten U20-WM-Titel 1994 FIS-Skirennen fuhr, hat ihre Spuren auf sämtlichen Terrains hinterlassen.
Erste Schweizer Europameisterin im Cross
Vier Tage nach ihrem 22. Geburtstag steht die zweifache Juniorenweltmeisterin über 1500 m und 3000 m erstmals auch im Crosslauf zuoberst auf einem internationalen Meisterschaftspodest.
Mit Rang 4 bei der Kurzcross-Premiere in Marrakesch 1998 erzielte Anita Weyermann das beste Schweizer Cross-WM-Ergebnis überhaupt. In Slowenien krönt sich die «Swiss Athletics History Makerin» zur ersten Schweizer Europameistermeisterin. Und das in einer Disziplin, in der Weyermann 1995 ihre nationale Titelpremiere vor keiner Geringeren als Daria Nauer (TV Länggasse) feierte.
Von Daria Nauer…
Die von Beat Aeschbacher und später von Fritz Schmocker betreute Langstreckenläuferin erlebte ihre Sternstunde 1994 an den Europameisterschaften in Helsinki. Als Aussenseiterin über 10 000 m angetreten, gewinnt Nauer hinter Olympiasiegerin Fernanda Ribeiro und Halbmarathon-Weltmeisterin Conceição Ferreira die Bronzemedaille in der immer noch gültigen Rekordzeit von 31:35,96 Minuten.
…bis Nicola Spirig
Übrigens: Bei den Juniorinnen ging Cross-EM-Silber 1999 an Nicola Spirig (LC Zürich). Die spätere Triathlon-Olympiasiegerin gewann in ihrer Altersklasse vor der Jahrtausendwende den WM-Titel im Duathlon sowie WM-Silber im Triathlon und war Europameisterin in beiden Sparten. Schon damals stand für die Zürcher Unterländerin aus Winkel fest, dass ihre Zukunft im olympischen Triathlon liegen würde. Nach Athen 2004, Beijing 2008, London 2012 und Rio 2016 bestreitet die dreifache Mutter in Tokio ihre fünften Spiele im Zeichen der fünf Ringe.
Anfang vom Ende
Für Anita Weyermann selbst wiegt der Cross-EM-Titel umso schöner, als sie zuvor einmal mehr von Verletzungen und Krankheiten gebremst wurde: An der Leichtathletik-WM in Sevilla musste sie sich nach einer Bänderverletzung durch einen Misstritt im Halbfinal mit dem letzten Finalplatz begnügen; zwei Wochen vor der Cross-EM erlitt sie eine Lebensmittelvergiftung.
Immer wieder fordert Weyermanns Körper seinen Tribut. Ihr letztes internationales Ausrufezeichen setzt sie bei Weltklasse Zürich 2000, als sie sich nach einem offenen Ellbogenbruch zusammen mit Sabine Fischer (LC Rapperswil-Jona) für die Sommerspiele in Sydney qualifiziert und an jenen Ort zurückkehrt, an dem sie 1996 Junioren-Weltmeisterin über 3000 m wurde, wobei sie als Titelverteidigerin über 1500 m mit einem Schuh noch auf Rang 7 lief…
2001 trägt sich die Dauerpatientin als erste Schweizer Rekordhalterin in die Liste der für Frauen neuen 3000-m-Hindernisdisziplin ein. Nach einer kaum endenden Odyssee an gesundheitlichen Rückschlägen beendet sie im Frühjahr 2008 ihre glanzvolle Karriere. Die begeisterte Ausdauersportlerin lässt es sich allerdings nicht nehmen, 2010 mit ihrem zukünftigen Ehemann am Jungfrau-Marathon zu starten.
Der Leichtathletik treu geblieben
Inzwischen Mutter von vier Kindern, darunter Drillingen, ist Anita Weyermann dem Laufsport und der Leichtathletik treu geblieben. Sie gibt Kindertrainings, leitet für Swiss Athletics Laufkurse und macht Bewegungsmenschen als Privatcoach Beine. Daneben arbeitet sie als Redaktorin beim Radio BeO. Das einstige Teenie-Idol verfolgt die aktuelle Schweizer Leichtathletik-Generation mit viel Freude am Bildschirm und im Stadion – und schmunzelt mitunter über die eine oder andere verlegene Interviewantwort…

Mit ihrem Bonmot und dem WM-Medaillencoup hat Anita Weyermann (GGB) in Athen Geschichte geschrieben. Auf der klassischen Marathondistanz macht jedoch eine andere leidensfähige Bernerin von sich reden: Franziska Rochat-Moser (STB). In der «Weyermania» geht ihr hart erkämpfter achter WM-Rang auf der historischen Strecke von Marathon ins Olympiastadion von 1896 fast unter. Nicht aber, was danach folgt.
Nur vier Wochen nach dem WM-Diplom absolviert Rochat-Moser den Jungfrau-Marathon so schnell wie keine Frau vor ihr. Die gebürtige Oberaargauerin meistert die 42,195 km und 1829 Höhenmeter von Interlaken auf die Kleine Scheidegg in 3:22:49 Stunden.
Dass Rochat-Moser nicht nur lang und bergauf laufen kann, sondern auch schnell und flach, unterstreicht sie zwei Wochen später beim internationalen Greifenseelauf mit Rang 2 hinter der nachmaligen Halbmarathon-Weltrekordhalterin Lornah Kiplagat.
Wiederum zwei Wochen später sprengt die Wahl-Waadtländerin beim Murtenlauf in 58:50 Minuten als erste Frau überhaupt die 1-Stunden-Grenze. Ihre Herbstform scheint demnach so gut wie noch nie und ein Spitzenresultat im Big Apple durchaus realistisch. Und dann kommt er, der Tag, der das Leben der studierten Juristin und promovierten Rechtsanwältin komplett verändern sollte.
Queen of New York
Weltmeisterin ist Franziska Rochat-Moser in Athen nicht geworden, aber die Jungfrau-Marathon-Siegerin gewinnt nach dem schönsten Bergmarathon auch den prestigeträchtigsten Städtemarathon der Welt – den 28. New York City Marathon. Für die Überraschungssiegerin geht im Central Park nach 2:28:43 Stunden ein Traum in Erfüllung. Ein Traum, den sie noch nicht begreift, als sie in Richard Umbergs Arme fällt.
Der Langstreckencoach und Konditionstrainer, selbst zweifacher Rekordläufer, fünffacher Schweizer Meister und 31-facher Marathon-Finisher unter 2:20 Stunden, betreut Franziska Rochat-Moser seit ihrem Debüt auf der Langdistanz. In Tenero 1989 wurde die einstige OL-Kaderathletin in 2:42:10 Stunden auf Anhieb Schweizer Meisterin.
Den internationalen Durchbruch schafft «Fränzi» 1994 mit ihrem Sieg beim Frankfurt Marathon. In 2:27:44 Stunden stellt sie einen Schweizer Rekord auf, der erst 2015 von ihrer STB-Nachfolgerin Maja Neuenschwander und im April dieses Jahres von Debütantin Fabienne Schlumpf (TG Hütten) unterboten wird. Noch schneller war Franziska Rochat-Moser allerdings bei ihrem 17. und letzten City-Marathon.
Immer noch schnellste Schweizerin über 42,195 km
Nach ihrem ersten Sieg beim Grand-Prix Bern in 55:00 Minuten und drei Ermüdungsbrüchen im Jahr 1998 kämpft sich die äusserst zielstrebige, aber auch sensible Titelverteidigerin beim New York City Marathon erfolgreich zurück auf Rang 5.
Im Frühjahr 1999 stellt sie quasi «im Vorbeigehen» neue Bestzeiten im Halbmarathon (1:10:54) und über 10 000 m (31:56,78) auf, ehe sie ihre internationale Klasse beim ältesten Marathon der Welt ein letztes Mal aufblitzen lässt: In 2:25:51 Stunden finisht Rochat-Moser ihren dritten Boston-Marathon als Zweite erstmals auf dem Podest – nach Rang 4 (1995) und 6 (1996). Auf dem coupierten, nicht mehr rekordkonformen Kurs ist an diesem Tag nur eine Frau stärker: die Äthiopierin Fatuma Roba, ihres Zeichens dreifache Boston- und amtierende Olympiasiegerin.
Zwischen Sternerestaurant und Spitzensport
Das Palmarès der Schweizer Sportlerin des Jahres 1997 ist umso beeindruckender, als sie nicht erst seit der Hochzeit mit dem Westschweizer Starkoch Philippe Rochat ein 200-Prozent-Pensum leistet. Als Patronne im Gourmettempel von Crissier beginnt ihr Arbeitstag um 8 Uhr und endet selten vor Mitternacht. Dazwischen spult sie 150 bis 170 Laufkilometer pro Woche ab, aus Zeit- und Effizienzgründen meist auf dem Laufband im eigenen Gartenhaus. Eine Gratwanderung. Sie nennt die Doppelbelastung eine «tickende Zeitbombe». Der Kopf will, allein der Körper muss noch vor den Olympischen Spielen in Sydney kapitulieren.
Ihre letzten 42,195 Kilometer beendet Rochat-Moser als Zweite des Jungfrau-Marathons 2000, ihr allerletztes Rennen beim Greifenseelauf 2001 in Begleitung von Richard Umberg, Daria Nauer und der damaligen Marathon-Weltrekordhalterin Tegla Loroupe. Die erfolgreiche Geschäftsfrau freut sich auf mehr Zeit für sich, ihren Mann und ihre Hündin Chica. Sie übernimmt das OK-Präsidium des Schweizer Frauenlaufs und gründet eine Stiftung zugunsten junger nationaler Lauftalente mit einem Nachwuchs-Länderkampf in Uster.
Der letzte Gipfel
Doch im März 2002 wird die noch nicht 36-jährige Vorzeigesportlerin abrupt und viel zu früh aus dem Leben gerissen. Unterwegs auf einer hochalpinen Skitour oberhalb von Les Diablerets stürzt Franziska Rochat-Moser in die Tiefe. Sie, die die Berge über alles liebte und von der Besteigung eines 8000ers im Himalaya träumte. Sie, die den Marathonlauf geradezu verkörperte und in New York den Mount Everest ihrer Sportart erreicht hat.
Der Swiss Athletics History Maker Marcel Schelbert (LC Zürich) gewann 1999 WM-Bronze über 400 m Hürden in der immer noch gültigen Schweizer Rekordzeit von 48,13 Sekunden. Im Interview erzählt der Sportler des Jahres 1999, wer ihn inspiriert hat, was ihm geblieben ist und welche Erfahrungen er an die jüngere Generation weitergibt.
Marcel Schelbert, an welche Momente deiner Leichtathletik-Karriere erinnerst du dich noch immer gerne?
Da sind ganz viele Zieleinläufe. Der Moment, in dem du die Ziellinie überquerst und weisst, du hast deine Leistung gebracht, ist einer der schönsten im Sport. Besonders intensiv war für mich der Moment beim Auslaufen in Sevilla (nach dem Gewinn der WM-Bronzemedaille 1999 – die Redaktion), als ich für mich alleine war und merkte: Alles, was man in den letzten Jahren investiert hat, hat sich irgendwie ausgezahlt.
Und auf welche Momente blickst du weniger gern zurück?
Zum einen die Trainings, die nicht so liefen, wie du dir das vorgestellt hast. Vor allem, wenn du nicht weisst, woran es lag. Zum anderen war es im Wettkampf wiederum der Zieleinlauf – diesmal mit umgekehrten Vorzeichen –, wenn du zwei Sekunden zu langsam bist und dich nach dem Warum fragst. In solchen Momenten kommst du kurz ins Zweifeln. Zum Glück sieht die Welt am nächsten Tag meist wieder anders aus.
Wer hat dich zum dritten Schweizer WM-Medaillengewinner (nach Werner Günthör und Anita Weyermann) gemacht? Oder anders gefragt: Wer waren deine «Swiss Athletics History Maker-Maker»?
Am Schluss war es sicherlich ein ganzes Team. Die Familie, die dich unterstützt, früher die Eltern, die dich ins Training gefahren und wieder abgeholt haben. Dann selbstverständlich der Trainer, die Person wahrscheinlich, mit der du ausserhalb der Familie am meisten Zeit verbringst und die dich am besten kennt. Und am Schluss bestimmt auch die Teamkollegen, mit denen du trainierst und dich gegenseitig pushst. Sie alle gehören zu deinen «Makern» – abgesehen davon, dass du selbst auch mitspielen musst.
Wie bist du zur Leichtathletik gekommen?
Ich habe immer gerne Sport getrieben und bin über den Turnverein ins Polysportive reingerutscht. Obwohl ich zu Beginn auch Fussball spielte, sagte mir als Einzelkämpfer die Leichtathletik mehr zu. Die Vielfältigkeit, welche die Leichtathletik bietet, machte mir schon immer Spass.
Vom Anfang bis zum Ende warst du beim selben Trainer (Andreas Hediger) im selben Verein (LCZ). Warum?
Spannend war sicher, dass man sich gemeinsam entwickeln konnte. Ich wurde grösser, wurde schneller und begann mit der Zeit, gewisse Dinge im Training zu hinterfragen. Genauso hat sich Andreas als Trainer weiterentwickelt. Dieses Tandem erwies sich als sehr befruchtend. Ein zweiter Vorteil war, dass man viel weniger Energie für Diskussionen verbraucht, wenn man einander kennt. Jeder von uns wusste ganz genau, woran er beim anderen ist. Das Setup im LCZ war von Anfang an grossartig und es gab keinen Grund, etwas daran zu ändern, zumal der Erfolg das Setup jedes Jahr von Neuem bestätigte.
Wer hat dich inspiriert respektive: hattest du ein Vorbild?
Ich habe mich stets an jenen orientiert, die schneller waren als ich. Was machen sie gut? Was machen sie besser als ich? Ein personifiziertes Vorbild hatte ich nicht. Selbstverständlich gab es zwei, drei Athleten, die einem geblieben sind. Etwa Colin Jackson, den ich bei «Jugend trainiert mit Weltklasse Zürich» kennen lernen durfte. Eine sympathische Persönlichkeit, nebenbei auch noch erfolgreich. Da versuchte man sicher, das eine oder andere abzuschauen. Wie tritt der Athlet auf? Wie geht er in den Wettkampf? Wie kommt er an? Generell war es allerdings die Leistung, die mich motiviert und beeindruckt hat.
Was hat dich selbst als Athlet angetrieben?
Ich war als Athlet eine sehr rationelle Person. Die Frage nach dem Aufwand und Ertrag kam bei mir immer relativ rasch. Mein Hauptantrieb war es, besser zu werden. Man investiert Zeit, nimmt Entbehrungen auf sich. Wenn du am Schluss die Bestätigung erhältst – eine Zehntelsekunde schneller bist oder ein paar Zentimeter weiter kommst –, dann motivierte das für das nächste Ziel. Die 400 m Hürden waren meine Hauptdisziplin. Hier waren Aufwand und Ertrag am höchsten. Aber auch in der Staffel und als Team gab es Herausforderungen, die ich als Ausgleich brauchte. Vom einen konnte ich auch fürs andere profitieren.
Hattest du einen Spleen oder besondere Rituale vor dem Start?
Spleen nicht, aber vor wichtigen Wettkämpfen habe ich mich häufig mit den «lustigen Taschenbüchern» von Mickey Mouse und Donald Duck abgelenkt. Ich war nicht der Typ, der sich mit Musik gepusht hat, musste vor dem Start eher runterkommen, Ruhe finden. Sehr oft habe ich mich auch von vergangenen Leistungen inspirieren lassen oder von einem tollen Stadion. So bin ich am Abend zuvor gerne ins Stadion gegangen und habe die Atmosphäre aufgesogen.
Wie war dein Mindset an der WM in Sevilla 1999?
Auch hier begaben wir uns am Tag vor der Eröffnungsfeier ins Stadion, um uns alles anzuschauen. Es kam mir vor wie ein Kessel, fast schon wie eine Halle. Dann dachte ich: Wenn das voll ist… Vor dieser Kulisse laufen zu können, ist einfach mega! Hier kannst du gar nicht schlecht sein, dermassen gut sind die Rahmenbedingungen. Diese positive Einstellung vermochte ich glücklicherweise in den Wettkampf mitzunehmen und in Leistung umzumünzen.
Was war deine grösste Stärke als Athlet?
Ich glaube zwar, dass dir eine gewisse Struktur, (Selbst-)Organisation und nicht zuletzt Stetigkeit hilft, auch dann dranzubleiben, wenn es mal nicht so läuft. Auf Weltniveau hebt man sich mit dieser Einstellung allerdings kaum mehr ab. Was mir half: Ich war eine Person, die darauf vertraute, was sie konnte. Eine Person, die sich nicht aufgrund eines speziellen Umfelds oder einer neuen Situation verunsichern liess. Vergangene Leistungen gaben mir Sicherheit. Vielleicht war es ein Privileg, weniger an mir zu zweifeln als andere.
Gibt es etwas, das du im Nachhinein bereust oder anders machen würdest?
Klar, hat man sich schon ein paarmal bei der Frage erwischt, was wäre, wenn ich noch fünf Jahre weiter Leichtathletik betrieben hätte (Marcel Schelbert trat 2003 mit 27 Jahren vom Spitzensport zurück – die Redaktion). Auch fragte ich mich, ob ich mehr in die Regeneration hätte investieren müssen, um weniger verletzt zu sein, oder das BWL-Studium ein, zwei Jahre hätte aussetzen sollen. Mit dem Wissen von damals und unter den gegebenen Umständen denke ich jedoch, habe ich die richtigen Entscheide getroffen.
Was hat dir die Leichtathletik gegeben?
Viel Freude und drei, vier Kollegen, die ich gefunden habe und die mich durchs Leben begleiten. Die Leichtathletik gab mir auch eine Orientierung in Form von mittel- und langfristigen Zielen, auf die man kontinuierlich hinarbeitet. Für mich war es eine grossartige Lebensschule, die einen heute vielleicht ein bisschen gelassener macht, wenn etwas nicht auf Anhieb klappt.
Inwiefern bist du mit der Leichtathletik verbunden geblieben?
Ich habe noch Kontakt zu einer Gruppe von ehemaligen Athleten. Wenngleich nicht mehr gross im Stadion, verfolge die Leichtathletik nach wie vor über die Resultate. Es interessiert mich, was abgeht – sowohl in der Schweiz als auch international. Ausserdem hat meine Tochter mit der Leichtathletik begonnen. Hier merkt man, dass man das weitergeben möchte, was einem früher selber viel Spass gemacht hat. Von daher bin ich im Herzen immer noch Leichtathlet, auch wenn das Leben abseits der Bahn andere Formen angenommen hat.
Was würdest du deiner Tochter – und deinem Sohn – denn mit auf den Weg geben?
Stetigkeit und Freude. Die Freude ist eine Gabe. Wenn du sie hast, dann hilft sie dir. Sie ist aber nicht immer da. Im Moment, in dem sie mal eine Woche verschwunden ist, hilft dir die Stetigkeit. Montag und Mittwoch ist Training. Diesen Rhythmus musst du einfach leben. Das kontinuierliche Arbeiten hilft dir, die Zeit zu überbrücken, bis in zwei, drei Wochen wieder die Sonne scheint und die Freude zurückkehrt.
Die vierte Dekade (2001 - 2010)

Während die 1980er und 1990er Jahre zahlreiche herausragende Momente auf der internationalen Bühne brachten, darbte die Schweizer Leichtathletik zu Beginn der 2000er Jahre trotz der Meisterleistungen von André Bucher. Parallel zu den glänzenden Resultaten von Viktor Röthlin und Co. haben die Verantwortlichen beim Schweizerischen Leichtathletik-Verband reagiert und Jugendprojekte ins Leben gerufen, die mittelfristig das Niveau anheben sollen…
Highlights 2001
Unter dem Hallendach verbessert André Bucher (LR Beromünster) mit 1:45,36 in Dortmund und 1:45,32 vier Tage später in Stockholm den Schweizer 800-m-Rekord um zwei Sekunden. An den Indoor-Weltmeisterschaften in Lissabon gewinnt der Luzerner die Bronzemedaille über 800 m in 1:46:46 Minuten. Ebenfalls in der Halle fixiert Peter Philipp (BTV Chur) den 1500-m-Landesrekord von Pierre Délèze auf 3:38,86 Minuten, eine Zeit, die immer noch gilt. Im Freien senkt Christian Belz (STB) den Schweizer Rekord über 3000 m Steeple in Hengelo um 25 Hundertstel auf 8:22:24 Minuten, den aktuellen Rekord. André Bucher startet über 1000 m stark in die Freiluftsaison mit einer Bestleistung von 2:15,63 Minuten, gefolgt von drei Zwei-Runden-Zeiten unter 1:44 Minuten im Juli, darunter ein Schweizer Rekord in Monaco (1:42,90). Drei Wochen später, an den Weltmeisterschaften in Edmonton, schafft er sein (Welt-)Meisterstück, indem er Gold in 1:43,70 gewinnt! Mit seinen Siegen in Zürich mit 1:42,55 (aktueller Schweizer Rekord) und Brüssel Brüssel mit 1:42:75 bestätigt er seinen Status als Weltnummer eins. Die Wahl zum Schweizer Sportler des Jahres ist hochverdient. Im Hammerwurf bricht Samuele Dazio (VIRTUS Locarno) dreimal den nationalen Rekord, zuletzt in Locarno mit 74,02 m. Mireille Donders (STB) verbessert ihren Schweizer Rekord über 100 m auf 11,34 Sekunden, während Sabrina Altermatt (LV Langenthal) die 100 m Hürden am EYOF in Murcia in 13,40 gewinnt. Beim Berlin Marathon unterbietet Viktor Röthlin (STV Alpnach) den Schweizer Rekord in 2:10:54 Stunden um 16 Sekunden.
Highlights 2002
André Bucher glänzt wieder in der Halle, insbesondere mit 1:45,08 über 800 m in Liévin. Trotz eines weiteren Schweizer Rekords von 1:44,93 Minuten, den er an den Hallen-Europameisterschaften in Wien aufstellt, muss sich der Freiluft-Weltmeister auf der Zielgeraden dem Polen Pawel Czapiewski geschlagen geben. Drei gute Schweizer Hallenrekorde sind zu erwähnen: Ivan Bitzi (LV Horw) über 50 m Hürden mit einer Zeit von 6,58 Sekunden und über 60 m Hürden mit einer Zeit von 7,62 sowie die Bestleistung von Martina Feusi (LC Zürich) über 50 m (6,26). André Buchers Sommersaison ist zwar nicht so brillant wie 2001, aber mit einer Bestzeit von 1:43,93 Minuten in Brüssel dennoch bemerkenswert. An den Europameisterschaften in München ist er der einzige Schweizer Medaillengewinner. Doch wie schon an der Hallen-EM wird er auf der Zielgeraden vom Dänen Wilson Kipketer überholt; es gibt Silber wie in Budapest 1998. In den anderen Disziplinen machen die Hammerwerfer von sich reden: Patric Suter (Hochwacht Zug) holt sich mit 74,56 m den Schweizer Rekord zurück, während Céline Neuenschwander (CA Vétroz) bei den Frauen mit 56,97 m die Bestmarke setzt. Ausserhalb des Stadions bricht Chantal Dallenbach die Schweizer Rekorde über 10 km in 32:51 und über 20 km in 1:07:37, während Alexis Gex-Fabry (CABV Martigny) in Camara erster offizieller Schweizer Europameister im Berglauf wird.
Highlights 2003
Trotz der grossartigen Leistungen von André Bucher in den letzten beiden Saisons und einigen Glanzlichtern erlebt die Schweizer Leichtathletik eine schwierige Phase. Wieder ist es der erfolgreichste 800-m-Läufer unserer Geschichte, der in Brüssel (1:44,23) und Paris (1:44,25) exzellente Zeiten abliefert. An den Weltmeisterschaften im Stade de France bleibt der Titelverteidiger allerdings im Halbfinal auf der Strecke. Im Weitsprung erhellt eine unerwartete Leistung die nationale Leichtathletik – dank den fantastischen 8,27 m von Julien Fivaz (SEP Olympic La Chaux-de-Fonds), die er in Ebensee erzielt. Auch die 80,51 m von Patric Suter (Hochwacht Zug) im Hammerwurf von hohem Niveau, während sich Céline Neuenschwander mit 59,06 m der 60-m-Marke nähert. Im Nachwuchs schliesslich gibt es zwei Silbermedaillen für Andreas Kundert (LC Brühl) über 110 m Hürden bei den U20-Europameisterschaften in Tampere und Benjamin Sunier (Stade Genève) über 100 m am EYOF in Paris.
Highlights 2004
Die Schweizer Leichtathletik, die sich immer noch im Tief befindet, verzeichnet nur in neuen Disziplinen Rekorde. Zu nennen sind die 3:09,04 Minuten der 4×400-m-Nationalstaffel mit Alain Rohr (STB), Cédric El-Idrissi (STB), Martin Leiser (BTV Aarau) und Andreas Oggenfuss (LC Brühl), die einen starken vierten Platz an der Hallen-WM in Budapest erreichen oder Nadine Rohrs (STB) 4,30 m im Stabhochsprung, Barbara Leuthards (TV Ibach) 13,40 m im Dreisprung und Catherine Manigleys (BTV Aarau) 49,46 m mit dem neuen Speer. Das nationale Niveau widerspiegelt sich unweigerlich bei den Olympischen Spielen in Athen, wo alle neun Schweizer Leichtathleten im Vorlauf oder in der Qualifikation hängen bleiben. Auch Viktor Röthlin, der im April beim Zürich Marathon mit der Rekordzeit von 2:09:56 erstmals unter der 2:10-Stundenmarke geblieben ist, muss in Griechenland aufgeben. Hoffnung macht dagegen ein kubanischer Athlet: Alexander Martínez (LC Zürich), der bei Weltklasse Zürich hervorragende 17,09 m springt und bald eingebürgert werden soll. Zum Schluss gibt es wieder zwei internationale Podestplätze: Sabrina Altermatts (LV Langenthal) gewinnt die Silbermedaille über 100 m Hürden an den U20-Weltmeisterschaften in Grosseto und Angéline Joly (GS Franches-Montagnes) wird Berglauf-Langdistanz-Weltmeisterin beim Heimrennen Sierre-Zinal.
Highlights 2005
Die Saison 2005 ist ein Spiegelbild der vorangegangenen: einige seltene Schweizer Rekorde werden gebrochen, die internationalen Medaillen muss man aber im Nachwuchs und im Berglauf suchen. Die Hochspringerin Corinne Müller (LC Zürich) zeigt eine hervorragende Hallensaison, die im Schweizer Rekord von 1,92 m in Magglingen gipfelt. Im Freien unterbietet Christian Belz den Schweizer Rekord von Markus Ryffel über 10 000 m gleich zwei Mal: 27:54,11 im Mai in Stanford und 27:53:16 im August in Helsinki. Die Speerwerferin Catherine Manigley befördert ihr Gerät nun auf 52,68 m. Viel Freude bereitet auch Pierre Lavanchy (Lausanne-Sports), der die Bahn an den Schweizer Meisterschaften in Bern in 45,49 Sekunden umrundet. Im Dreisprung schafft Alexander Martínez, immer noch Kubaner, bei einem kleinen Meeting in Bern hochkarätige 17,51 m! Im Berglauf resultieren zwei Bronzemedaillen durch Daniel Bolt (LC Meilen) an der Langdistanz-WM in Cauterets und durch Angéline Joly bei den Europameisterschaften in Heiligenblut. Am EYOF in Lignano brilliert Clélia Reuse (CABV Martigny) mit Gold über 100 m Hürden und Silber im Weitsprung.
Highlights 2006
Die Schweizer Leichtathletik ist noch etwas wackelig auf den Beinen, kann aber dank einzelner Athleten wie Stefan Müller (LV Winterthur) wieder international mithalten. An den Europameisterschaften in Göteborg erzielt der Speerwerfer in der Qualifikation mit 80,43 m einen Schweizer Rekord. Im Final steigert er sich gar auf 80,87 m und damit auf den siebten Platz. Beim SVM-Final in Bern landet Müllers Speer auf der immer noch gültigen Rekordweite von 82,07 m. Der zweite grosse Lichtblick ist Dreispringer Alexander Martínez. Der Neo-Schweizer bricht auf Anhieb den nationalen Hallenrekord (16,70 m), dann den Freiluftrekord (16,99 m) in Lausanne. In Göteborg fliegt er in der Qualifikation auf 17,13 m, scheitert aber im EM-Final und wird Neunter. Für das dritte Highlight sorgt Christian Belz, der sich im EM-Final über 10 000 m souverän behauptet und die angestrebte Medaille als Vierter nur knapp verpasst. Und dann kommt Viktor Röthlin, der Meister des Schweizer Marathonlaufs: Im Windschatten von Olympiasieger Stefano Baldini läuft der Obwaldner ein grossartiges Rennen und gewinnt in 2:11:50 sensationell die Silbermedaille.
Highlights 2007
Alexander Martínez und Viktor Röthlin, die beiden Stars der Schweizer Leichtathletik, sind immer noch stark. Ersterer, der auch ein hervorragender Salsa-Tänzer ist, stellt in La Chaux-de-Fonds mit 17,13 Metern seinen Schweizer Rekord im Dreisprung ein. Voller Zuversicht qualifiziert er sich für den WM-Final in Osaka und wird mit 16,85 m Achter. Viktor Röthlin begeistert die Öffentlichkeit beim Zürich Marathon, den er in der Rekordzeit von 2:08:20 gewinnt. Seine körperliche Vorbereitung und seine unerschütterliche mentale Stärke wirken in Osaka Wunder. Im japanischen Glutofen läuft der Schweizer ein heroisches Rennen, das mit WM-Bronze belohnt wird! Im Stabhochsprung holt Anna Katharina Schmid (LV Thun) den nationalen Titel mit 4,30 m und lässt sich Bronze an den U20-Europameisterschaften in Hengelo umhängen. Ebenfalls zu Bronze springt Nicole Büchler (STB) an der Sommeruniversiade in Bangkok mit einer neuen Schweizer Bestmarke von 4,35 m. Am EYOF in Belgrad schnappt sich Valentine Arrieta (CEP Cortaillod) Silber über 200 m und anschliessend –zusammen mit Andrea Gilgen (STB), Grace Muamba (SEP Olympic La Chaux-de-Fonds) und Lea Sprunger (COVA Nyon) – Gold in der 4×100-m-Staffel.
Highlights 2008
Von Viktor Röthlin werden 2008 zwei Spitzenleistungen auf der 42,195-km-Distanz erwartet: am 17. Februar beim Tokio Marathon und am 24. August beim Olympiamarathon in Beijing. Im ersten Rennen zählt nur die Zeit – und das Ziel wird mit zwei Schweizer Rekorden doppelt erreicht: die 30 km in 1:30:48 und der Marathon in unglaublichen 2:07:23! Im olympischen Marathon erbringt Röthlin erneut eine Topleistung als Sechster und bester Europäer. In 2:10:35 Stunden verpasst er die neunte Schweizer Olympiamedaille nur um 35 Sekunden. Julien Fivaz – obwohl regelmässig jenseits der 8 Meter unterwegs (8,10 m in Pierre-Bénite) – schlägt sich in Beijing unter Wert, ebenso wie Andreas Kundert, brillanter neuer Schweizer Rekordhalter über 110 m Hürden in 13,41 in Luzern, aber leider krank und nicht in der Lage, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Nicole Büchler meistert in Luzern 4,40 m und sammelt in China wertvolle Erfahrung. Der Schweizer 4×100-m-Rekord, der aus dem Jahr 1978 datiert, wird von Andreas Baumann (LC Zürich), Marc Schneeberger (TV Länggasse), Marco Cribari (LC Zürich) und Amaru Schenkel (LC Zürich) in Genf (39,02) und Madrid (38,99) gleich zwei Mal gebrochen.
Highlights 2009
Nicole Büchler ist das Versprechen der Saison. Sie knackt sieben Mal den Schweizer Hallen- und Freiluftrekord im Stabhochsprung und erreicht sowohl in Jonesboro als auch an den Weltmeisterschaften in Berlin 4,50 m. Zudem gewinnt die Seeländerin Silber an der Sommeruniversiade in Belgrad. In Berlin schafft Linda Züblin (LAR Bischofszell) mit 53,01 m im Siebenkampf einen nationalen Speerwurf-Rekord. Für die EM- und WM-Medaillen muss man das Stadion verlassen und in die Berge gehen. Martina Strähl (LV Langenthal) wird in Telfes Europameisterin, während Marc Lauenstein (CEP Cortaillod) an den Weltmeisterschaften in Söll die über die Langdistanz triumphiert. In der Nachwuchskategorie holt Lea Sprunger Siebenkampf-Bronze an den U20-Europameisterschaften in Novi Sad. Mujinga Kambundji (STB) gewinnt in Tampere EYOF-Silber über 100 m und führt ihre Teamkolleginnen Silja Mühlebach (LC Luzern), Nora Frey (LG Küsnacht-Erlenbach) und Cornelia Halbheer (LV Winterthur) zu Gold in der 4×100-m-Staffel. Andrina Schläpfer (Biberist aktiv!) und Nathalie Meier (STB) schnappen sich Bronze über 800 m respektive im Speerwurf.
Highlights 2010
Zwar wartet die Schweizer Leichtathletik noch immer auf eine höhere Leistungsdichte, doch Überraschungen sind immer möglich, oft auch dann, wenn man sie nicht unbedingt erwartet. Dies tritt am 27. Juli 2010 in Lugano ein, wo der Weitsprungwettbewerb der Frauen Schauplatz eines aussergewöhnlichen Ereignisses wird: Der Schweizer Rekord – die berühmten 6,73 m von Meta Antenen (EM-Silbermedaillengewinnerin 1971) – fällt nach 39 Jahren Irene Pusterla (VIGOR Ligornetto) zu, die in ihrem fünften Versuch auf 6,76 m segelt. An den Europameisterschaften in Barcelona ist die 4×100-m-Staffel der Männer mit Pascal Mancini (Stade Genève), Aaron Beyene (Stade Genève), Amaru Schenkel und Marc Schneeberger (TV Länggasse) so schnell wie noch nie, doch der neue Schweizer Rekord von 38,69 Sekunden reichte im Final nur für den undankbaren vierten Platz. In Katalonien ist es vor allem das EM-Gold von Viktor Röthlin, der am 1. August landesweit Freude auslöste. Nach gesundheitlichen Rückschlägen hat der Marathon-Europameister diesen Titel und alle damit verbundenen Ehrungen verdient. Bei den Berglauf-Weltmeisterschaften heissen die Schweizer Medaillengewinner gleich wie 2009: Marc Lauenstein wird Zweiter auf der Langdistanz in Manitou Springs und Martina Strähl WM-Dritte in Kamnik. Von den ersten Olympischen Jugendspielen in Singapur kehren zwei Schweizerinnen mit einer Medaille nach Hause: Andrina Schläpfer mit Silber über 1000 m und Noemi Zbären (SK Langnau) mit Bronze über 100 m Hürden.

Vor mehr als zwanzig Jahren wurde André Bucher im kanadischen Edmonton Weltmeister über 800 Meter. Er krönte damit eine unvergleichliche Karriere, die 1994 mit 1500-m-Silber an den U20-Weltmeisterschaften international begonnen hatte.
Es war der 8. August 2001, 4.50 Uhr Schweizer Zeit, als André Buchers grosse Stunde schlug. Die halbe Sportnation hatte den Wecker gestellt, um den 800-m-Final mit dem damals knapp 25-jährigen Favoriten live am Fernseher zu verfolgen. Der Athlet der Läuferriege Beromünster suchte das Rampenlicht nie – und doch hatte er im Vorfeld der Welttitelkämpfe die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Zweckgemeinschaft der Nichtsprinter
Seit der Hallen-WM 2001 in Lissabon, als der Schützling von Andy Vögtli und Christoph Schmid Bronze geholt hatte, war er über die zwei Bahnrunden ungeschlagen. Rom, Lausanne, Paris, Monaco: An allen Meetings hatte der Luzerner triumphiert. Von der Spitze weg. Sein Problem: Er kam ursprünglich von den längeren Strecken – 1996 bestritt an der Cross-WM noch die Langdistanz (12,15 km!) – und war kein geborener Sprinter.
Letzteres galt auch für Wilfried Bungei, 2001 Aussenseiter, 2008 Olympiasieger in Beijing. Wollten der Kenianer und der Schweizer in Edmonton eine Medaille erringen, mussten sie eine Zweckgemeinschaft bilden und die Flucht nach vorne antreten. «Beim gemeinsamen Auslaufen nach dem Halbfinal einigten wir uns auf einen schnellen Endlauf», verriet André Bucher dem Swiss Athletics Magazin vor zehn Jahren.
Die Crux mit den Schnürsenkeln
Zuvor gab es allerdings noch ein anderes Problem zu beheben. «Vor dem Halbfinal hatte sich eine Öse im Schuh gelöst», erzählt der schnellste Schweizer aller Zeiten von 600 m bis 1000 Meter, «das war nicht optimal im Hinblick auf den Final.» Vor allem nicht für den Kopf. Doch Hilfe nahte auch hier – in der Person von Cornelia Bürki. Die frühere Spitzenläuferin, 1987 WM-Vierte über 1500 m und 3000 m, betreute in Edmonton nicht nur die 1500-m-Olympiafinalistin Sabine Fischer (LC Rapperswil-Jona), sondern flickte auch Buchers Lieblingsschuhe wieder zusammen.
Der Rest ist Geschichte: Die Schuhbänder hielten und die kenianisch-schweizerische Taktik ging auf: Bungei machte auf den ersten 500 Metern Tempo, ehe ihn Bucher ablöste und in 1:43,70 den ersten Schweizer WM-Titel in einer Laufdisziplin nach Hause brachte. Für den Innerschweizer war die Genugtuung umso grösser, als er im Olympiafinal ein Jahr zuvor vom Italiener Andrea Longo aus der Bahn bugsiert worden war und eine Medaille als Fünfter knapp verpasst hatte. «Vielleicht brauchte es die Erfahrung von Sydney, um Weltmeister zu werden», mutmasst der Frontrunner, der auf die Saison 2001 hin noch härter, noch konsequenter trainierte als je zuvor.
Erst die Pflicht, dann die Kür
Es lohnte sich. Nicht nur wegen des WM-Titels. Nach der «Pflicht» in Edmonton liess André Bucher die Kür folgen. Für grosse Feiern und Empfänge, die ohnehin nicht seine Sache waren, blieb kaum Zeit.
Stattdessen versetzte er die Fans beim Heimmeeting Weltklasse Zürich mit seinem Rekordsieg (1:42,55) in schiere Ektase, partizipierte am Golden-League-Jackpot und gewann in Melbourne die Gesamtwertung des IAAF-Grand-Prix (vor Hürdensprintlegende Alan Johnson). Hinzu kamen die Auszeichnung zu «Europas Leichtathlet des Jahres» und Rang 3 bei der Wahl des Welt-Leichtathleten (hinter den Serienweltmeistern Hicham El Guerrouj und Maurice Greene). Selbst die sonst eher zurückhaltende NZZ sprach in Buchers Fall von einem «fantastischen Jahr 2001». Ein Jahr, das der Rekordläufer wie schon 2000 als Schweizer Sportler des Jahres beendete.
Sieben Jahre von 1500-m-Silber bis 800-m-Gold
Zurück auf europäischer Ebene, holte der Freiluft-Weltmeister und Hallen-WM-Dritte 2002 in Wien (indoor) und München (outdoor) sein viertes respektive fünftes Edelmetall auf Elitestufe: Silber über 800 m. Wie schon 1999 an der Universiade, 1998 an der EM und 1997 U23-EM, 1995 an der U20-EM und 1994 an der U20-WM in Lissabon, damals noch über die dreidreiviertel Bahnrunden. Sieben Jahre dauerte André Buchers Transformation vom Junioren-Vize-Weltmeister über 1500 m zum Weltmeister über 800 m.
Eine Transformation, die allmählich ihren Tribut forderte. Im Frühjahr 2007 zog der studierte Primalehrer einen Schlussstrich und trat der Gesundheit zuliebe zurück. Geblieben sind «viele schöne Erinnerungen und die Freude am Laufen». Die hat sich der vierfache Familienvater und Firmengründer bis heute bewahrt.

Geboren am 14. Oktober 1974, kürte sich Viktor Röthlin (STV Alpnach) am 1. August 2010 zum vierten helvetischen Leichtathletik-Europameister nach EM-Silber 2006 und WM-Bronze 2007. Der Swiss Athletics History Maker füllte damit die Lücke, die Weltmeister und Vize-Europameister André Bucher nach dessen Rücktritt im Frühjahr 2007 hinterlassen hat.
Viktor Röthlin (Jahrgang 1974) und André Bucher (Jahrgang 1976) entstammen der gleichen Laufgeneration. Doch während sich Bucher nach Rang 188 an der Cross-WM 1996 auf die zwei Bahnrunden konzentrierte und 1998 in Budapest EM-Silber holte, ging Röthlin nach dem letzten Platz über 10 000 m – inklusive Überrundung – den umgekehrten Weg: von der Bahn auf die klassischste aller Langstrecken.
Sein Debüt über die mythischen 42,195 Kilometer gibt der ausgebildete Physiotherapeut bereits im Folgejahr beim Hamburg Marathon. Nach der ersten Zeit unter 2:11 Stunden in Berlin 2001 (2:10:54) greift Röthlin seinen eigenen Schweizer Rekord 2003 auch auf heimischen Boden an. Bei der Premiere des Zürich Marathons ist der Obwaldner aus Kerns der einzige, der mit dem Sieger Tesfaye Eticha mithalten kann.
Internationaler Durchbruch beim New York City Marathon
2004 – sprich: zehn Jahre vor der Heim-EM – klappts dann auch mit dem Rekordlauf in Zürich. Und nicht nur das: Angefeuert von zig Hobbyläuferinnen und Hobbyläufern, knackt Röthlin in der Limmatstadt erstmals die Schallmauer von 2:10 Stunden.
2005 macht sich der in den Bergen verwurzelte Weltenbürger auf in den Big Apple, auf in die «Champions League», wie Röthlin den New York City Marathon nennt. Der EM-, WM- und Olympiateilnehmer verkauft sich teuer im grössten Marathon der Welt, sammelt Läufer um Läufer ein und überquert die Ziellinie im Central Park als ausgezeichneter Siebter. Es ist der letzte Schritt zum Laufprofi.
Ab 2006 verfolgt Röthlin seine Medaillenziele und Rekordpläne konsequent, optimiert sein Umfeld und lässt kein Detail ausser Acht. Im Winter in Kenia, im Sommer im Engadin: Als einer der ersten Europäer trainiert der Innerschweizer zusammen mit den ostafrikanischen Wunderläufern, um von den Besten zu lernen. Ein weiterer wichtiger Mosaikstein bildet die Regeneration. Hier kann Röthlin seit Jahren auf die wertvollen Dienste seines Physiotherapeuten und Freundes Daniel Troxler zählen.
EM-Silber in Göteborg 2006
Über die 25 Bahnrunden schrammte Christian Belz als Vierter noch knapp am Podest vorbei. Im Marathon hingegen steht europäisch nur noch Olympiasieger Stefano Baldini eine Stufe über Viktor Röthlin.
2007 steht der EM-Silbermedaillengewinner erneut an der Startlinie des Zürich Marathons, bereit, den Schweizer Rekord mithilfe von Edelpacemaker Abraham Tandoi zum dritten Mal zu unterbieten. In 2:08:20 pulverisiert er seine alte Bestzeit um über eineinhalb Minuten.
Bei gänzlich anderen klimatischen Bedingungen, aber mit der gleichen Akribie wie in Zürich gehen Viktor Röthlin und seine Betreuer Daniel Brodard, Fritz Schmocker und Daniel Troxler in Japan zu Werke.
WM-Bronze in Osaka 2007
Im langsamsten und wohl härtesten Marathon der WM-Geschichte hält sich Röthlin lange zurück. Bei Kilometer 30 liegt er an sechster Position. Während andere Läufer den 30 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit reihenweise zum Opfer fallen, bleibt der Schweizer in Schlagdistanz zu einer Medaille.
Halb im Delirium, halb im Angriffsmodus, vermag er auf den letzten zwei Kilometern noch drei Plätze gutzumachen und erreicht das Ziel dank einer mentalen Meisterleistung als Dritter. Als erst fünfter Swiss Athletics History Maker jubelt Röthlin über eine WM-Medaille und setzt sich im marathonverrückten Japan ein Denkmal.
Schweizer Rekord und Olympia-Diplom 2008
Knapp sechs Monate später kehrt der Schweizer Laufstar ins Land der aufgehenden Sonne zurück. Beim Tokio Marathon gelingt dem Perfektionisten ein Rennen nah an der Perfektion. Die letzten Verfolger nach 36 Kilometer abgeschüttelt, läuft Röthlin seinem grössten Sieg auf globaler Stufe entgegen. Damals noch ohne Carbon-Schuhe unterwegs, verbessert er seinen eigenen Landesrekord gegenüber dem Vorjahr nochmals um fast eine Minute auf hochkarätige 2:07:23 Stunden.
Nun darf er sogar von einer Olympiamedaille in Peking träumen. Letztere verpasst Röthlin als Sechster und bester Nicht-Afrikaner bloss um 35 Sekunden. Auch den Traum vom Europarekord muss er begraben.
Im Frühjahr 2009 erleidet er im Trainingslager in Kenia eine erblich bedingte Lungenembolie – mit schwerwiegenden Folgen. Seine Karriere als Marathonläufer hängt an einem seidenen Faden. Es folgen Wochen und Monate der Ungewissheit, doch Röthlin, ganz Marathonläufer, kämpft sich zurück und schreibt am Schweizer Nationalfeiertag ein veritables Sportmärchen.
EM-Gold in Barcelona 2010
Einmal mehr hat sich Viktor Röthlin perfekt auf das Hitzerennen vorbereitet. Mithilfe von Kühlpads in der Anfangsphase des Rennens und Liquid Ice an den Verpflegungsstellen versucht der Tüftler, die Körpertemperatur möglichst lange tiefzuhalten. Bei Kilometer 27 dann die Überraschung: Keiner kann dem Schweizer folgen. Röthlins erster Marathon seit zwei Jahren wird zum Triumphlauf, zur Wiederauferstehung, zum Comeback des Jahres.
Doch nicht genug. Denn während sich Röthlins Wegbegleiter Christian Belz mit Rang 6 von der internationalen Bühne verabschiedet, läuft der Marathon-Europameister und Schweizer Halbmarathonmeister weiter bis zur Heim-EM 2014 in Zürich – mit einem Umweg über den Tokio Marathon (5./2:08:32) und die Olympischen Spiele in London 2012 (11./2:12:48), gefolgt vom Lake-Biwa-Marathon (8./2:10:18) und dem Jungfrau-Marathon 2013 (3./2:53:21).
Vor Eiger, Mönch und Jungfrau vertritt Röthlin die wieder erstarkte Berglaufnation um Europa- und Weltmeisterin Martina Strähl zwar nur einmal, aber er holt sich im Berner Oberland die nötigen Kletterfähigkeiten für seinen 27. und letzten Marathon.
Team-Bronze in Zürich 2014
Zehn Jahr nach seinem Sieg beim Zürich Marathon erlebt Titelverteidiger Röthlin den Abschied, den er verdient hat: Rang 5 vor einer grandiosen Kulisse und Bronze in der Teamwertung.
Im Stadion Letzigrund darf der 39-jährige Routinier seine letzte Medaille aus den Händen des damaligen OK- und Swiss Athletics Präsidenten Hansruedi Müller in Empfang nehmen und diese erst noch mit seinen Teamkollegen teilen, namentlich mit Tadesse Abraham, Christian Kreienbühl, Michael Ott, Patrick Wieser und Adrian Lehmann.
Es ist der Schlusspunkt einer glanzvollen Marathonkarriere – und zugleich der Startschuss zu einem beispiellosen Aufschwung der Schweizer Leichtathletik. Im und ausserhalb des Stadions.
Die fünfte Dekade (2011 - 2021)

Nach der sportlichen Baisse Anfang der 2000er-Jahre hat Swiss Athletics den Schlüssel zu einer neuen Dynamik gefunden. Das Programm «Swiss Starters», im Hinblick auf die Europameisterschaften in Zürich 2014 ins Leben gerufen, sowie die verschiedenen Nachwuchsprojekte ermöglichen einen breiten Aufschwung der Schweizer Leichtathletik. Ende 2021, 50 Jahre nach der Gründung des Schweizerischen Leichtathletik-Verbandes (SLV), sieht die Zukunft rosig aus. Das sind die Highlights der fünften Dekade.
Highlights 2011
Die Frauen stehen in der Saison 2011 im Rampenlicht, wobei Irene Pusterla (VIGOR Ligornetto) stärker denn je auftrumpft: Schweizer Hallenrekord im Weitsprung mit 6,71 m an den Hallen-Europameisterschaften in Paris, gefolgt von zwei weiteren hervorragenden Freiluftrekorden in Chiasso mit 6,81 m Ende Juni und 6,84 m zwei Monate später. Ende der Saison bricht sie auch den Dreisprungrekord mit 13,42 m. Lisa Urech (SK Langnau) erzielt in La Chaux-de-Fonds über 100 m Hürden in 12,62 Sekunden eine Rekordzeit. Nicole Büchler (STB) meistert im Stabhochsprung zweimal 4,50 m, Lydia Wehrli (Stade Genève) übertrifft im Hammerwurf mit 60,06 m die 60-m-Marke, während Nathalie Meier (STB) den 600-g-Speer 53,45 m weit wirft.
Auf Anregung von Laurent Meuwly wird ein neues Projekt für die 4x100m-Staffel der Frauen initiiert. Mujinga Kambundji (STB), Jacqueline Gasser (BTV Chur), Clélia Reuse (CABV Martigny) und Lea Sprunger (COVA Nyon) knacken bei Athletissima Lausanne den alten Landesrekord (44,31 im Jahr 1979) mit 43,90 und läuten eine neue (Staffel-)Ära ein. Bei den Männern überzeugt Reto Amaru Schenkel (LC Zürich) 10,19 über 100 m und im Nachwuchs wird Noemi Zbären (SK Langnau) in Lille U18-Vize-Weltmeisterin über 100 m Hürden. Martina Strähl (LV Langenthal) erobert in Bursa-Uludag den Europameistertitel im Berglauf.
Highlights 2012
In der Saison 2012 stehen zwei internationale Grossanlässe im Programm. An den Europameisterschaften in Helsinki erreichen die 4×100-m-Staffeln die besten Ergebnisse. Alex Wilson (Old Boys Basel), Marc Schneeberger (TV Länggasse), Reto Amaru Schenkel und Rolf Malcolm Fongué (GG Bern) werden in 38,83 Sekunden Fünfte. Michelle Cueni (LC Zürich), Jacqueline Gasser, Ellen Sprunger (COVA Nyon) und Lea Sprunger (COVA Nyon) verbessern den Schweizer Rekord zweimal in 43,61 Sekunden, dann in 43,51 und werden Sechste.
An den Olympischen Spielen in London wird Viktor Röthlin Elfter im Marathon und die 4×100-m-Staffel der Frauen Dreizehnte in 43,54 Sekunden. Nicole Büchler nähert sich mit 4,55 m in der Halle in Jonesboro und 4,60 m im Freien in Riehen der erweiterten Weltspitze. Noemi Zbären gewinnt eine weitere Silbermedaille über 100 m Hürden, dieses Mal an den U20-Weltmeisterschaften in Barcelona. An den Berglauf-Europameisterschaften wird Monika Fürholz (CA Marly) in Denizli Europameisterin und damit Nachfolgerin von Martina Strähl.
Highlights 2013
Der neue Star der Schweizer Leichtathletik heisst Alex Wilson (Old Boys Basel). Der in Jamaika geborene Sprinter verbessert den Schweizer Rekord über 100 m in Bulle um vier Hundertstel auf 10,12. Yves Zellweger (Athleticsteam KTV Altstätten) übertrifft als vierter Schweizer Weitspringer die 8-Meter-Marke mit 8,03 m bei einem Meeting in Oberteuringen. Fabienne Schlumpf (TG Hütten) senkt den 3000-m-Steeplerekord mit 9:48,45 Minuten in Oordegem und 9:46,98 in Bottrop. Nicole Büchler steigert ihren Schweizer Rekord (4,61 m in La Chaux-de-Fonds) um einen Zentimeter, während Nicole Zihlmann den Hammer in Luzern auf 61,54 m befördert.
Die 4×100-m-Nationalstaffel der Frauen begeistert bei Athletissima Lausanne mit 43,48 und vor allem mit 43,21 im Halbfinal der Weltmeisterschaften in Moskau – in der inzwischen üblichen Zusammensetzung Mujinga Kambundji, Marisa Lavanchy (COVA Nyon), Ellen Sprunger und Lea Sprunger. Die vier werden an den Europameisterschaften 2014 in Zürich die Hauptdarstellerinnen sein. In der Nachwuchskategorie wird Noemi Zbären in Rieti U20-Europameisterin über 100 m Hürden und Angelica Moser (LV Winterthur) hievt sich im Stabhochsprung zu EYOF-Gold in Utrecht.
Highlights 2014
Es ist ein grossartiges Jahr für den Verband, der zum zweiten Mal nach Bern 1954 die Leichtathletik-Europameisterschaften ausrichtet. In Zürich dürfen die Verantwortlichen von Swiss Athletics stolz auf die «Swiss Starters» sein, denn die Ergebnisse sind hervorragend. Kariem Hussein (LC Zürich) triumphiert über 400 m Hürden; diese EM-Goldmedaille ist erst die fünfte für Swiss Athletics. Viktor Röthlin (TV Alpnach), Tadesse Abraham (LC Uster) und Christian Kreienbühl (TV Oerlikon) gewinnen Team-Bronze im Marathon. Pascal Mancini (FSG Estavayer), Reto Amaru Schenkel, Suganthan Somasundaram (LC Zürich) und Alex Wilson stellen mit einer Zeit von 38,54 den aktuellen Schweizer Rekord über 4×100 m auf und verpassen das Podest als Vierte nur hauchdünn.
Bei den Frauen begeistert Mujinga Kambundji das Heimpublikum mit nationalen Rekorden über 100 m (11,20) und 200 (22,83), bleibt aber neben dem Podium. Im Stabhochsprung scheitert Nicole Büchler an den Europameisterschaften, rehabilitiert sich jedoch zwei Wochen später bei Weltklasse Zürich mit ausgezeichneten 4,67 m. Was die 4×100-m-Sprintstaffel anbelangt so sind nach den 42,94 bei Athletissima die Hoffnungen gross. Leider entscheidet das Schicksal im EM-Final anders: Stabverlust beim Start und Tränen statt Schweizer Medaillenjubel. Im Hammerwurf wird Nicole Zihlmann mit nun 63,79 m immer stärker. An den Youth Olympic Games in Nanjing holt Angelica Moser Gold im Stabhochsprung und darf sich Jugendolympiasiegerin nennen.
Highlights 2015
Zum ersten Mal seit geraumer Zeit glänzen einige Schweizer Athletinnen und Athleten an den Hallen-Europameisterschaften. In Prag holt Selina Büchel (KTV Bütschwil) den Titel über 800 m, während Pascal Mancini (Stade Genève) den Schweizer Rekord über 60 m in 6,60 Sekunden egalisiert und Mujinga Kambundji den nationalen Rekord von 7,26 m auf 7,11 m senkt. Im Sommer zeigt sich Selina Büchel beim Dimaond-League-Meeting in Paris in Topform und läuft die 800 m in 1:57,95 Minuten und damit schneller als Sandra Gasser bei deren Rekord. An den Schweizer Meisterschaften in der Dunkelheit des Herti-Stadions in Zug überspringt Stab-Rekordhalterin Nicole Büchler 4,71 m.
Ende August, an den Weltmeisterschaften in Peking, senkt Mujinga Kambundji im Halbfinal die Schweizer Rekorde über 100 m auf 11,07 und über 200 m auf 22,64 Sekunden. Selina Büchel über 800 m und Kariem Hussein über 400 m Hürden bleiben – als erste Nicht-Final-Qualifikanten – ebenfalls im Halbfinal hängen. Noemi Zbären, die kurz zuvor in Tallinn U23-Europameisterin geworden ist, schafft mit einem sechsten Platz im 100-m-Hürdenfinal das beste Ergebnis aus Schweizer Sicht.
Auch andere Nachwuchscracks sind erfolgreich: Géraldine Ruckstuhl (STV Altbüron) entscheidet den Siebenkampf an den U18-Weltmeisterschaften in Cali für sich, während Angelica Moser und Caroline Agnou (SATUS Biel-Stadt) an den U20-Europameisterschaften in Eskilstuna den Stabhochsprung respektive den Siebenkampf dominieren. In Barcelona stellt Tadesse Abraham mit 1:00:42 einen Schweizer Halbmarathon-Rekord auf. Und im Berglauf sichert sich Martina Strähl den Langdistanz-WM-Titel in Zermatt (im Einzel und mit dem Team).
Highlights 2016
Nicole Büchler bricht in der Hallensaison 2016 den Schweizer Hallenrekord im Stabhochsprung fünfmal zuletzt an den Indoor-Weltmeisterschaften in Portland auf 4,80 m (Vierte)! Drei Tage später, in Seoul, gelingt Tadesse Abraham mit dem Schweizer Marathon-Rekord von 2:06:40 Stunden ein weiterer Coup. Im Frühjahr zementiert Nicole Büchler in Doha mit 4,78 m ihren neuen Status, derweil Benjamin Gföhler (LC Zürich) in Oberteuringen 8,13 m weit springt.
Die Schweizer Delegation an den Europameisterschaften in Amsterdam kann sich über fünf Medaillen freuen, darunter der Titel von Tadesse Abraham im Halbmarathon, Team-Gold mit Julien Lyon (Stade Genève) und Adrian Lehmann (LV Langenthal), aber auch über die Bronzemedaillen von Kariem Hussein über 400 m Hürden, Mujinga Kambundji über 100 m und Lea Sprunger über 400 m Hürden. Letztere bricht in Genf auch den Schweizer Rekord über 200 m (22,38).
An den Olympischen Spielen in Rio kehrt Nicole Büchler nach einer Oberschenkelverletzung zurück und belegt im Stabhochsprung-Final den hervorragenden sechsten Platz. Auch Tadesse Abraham glänzt im Marathon mit einem siebten Platz, ebenso wie Finalistin Fabienne Schlumpf (TG Hütten), die mit einer Zeit von 9:30,54 den Schweizer Steeple-Rekord weiter verbessert. Nicole Zihlmann baut mit 64,83 m ihren eigenen Hammer-Rekord aus und Angelica Moser triumphiert wie gewohnt im Stabhochsprung, diesmal an den U20-Weltmeisterschaften in Bydgoszcz. In Tiflis schliesslich wird Delia Sclabas (LG Gerbersport) zweifache U18-Europameisterin über 1500 m und 3000 m.
Highlights 2017
An den Hallen-Europameisterschaften in Belgrad verteidigt Selina Büchel ihren Titel über 800 m mit einer Zeit von 2:00,38 Minuten und Mujinga Kambundji holt Bronze über 60 m. Fabienne Schlumpf läuft Schweizer Rekorde über 10 km (32:10), im Halbmarathon (1:10:17) und im Frühjahr über 3000 m Steeple (9:21,65). Alex Wilson brilliert in Weinheim mit Landesrekorden über 100 m (10,11) und 200 m (20,37). Auch Lea Sprunger kann sich in La Chaux-de-Fonds auszeichnen, indem sie die nationale Referenz von Anita Protti (Lausanne-Sports) über 400 m in 51,09 unterbietet. Im Siebenkampf entwickelt sich ein hochkarätiges Fernduell zwischen Caroline Agnou und Géraldine Ruckstuhl: Die Luzernerin schlägt den Schweizer Rekord in Götzis mit 6291 Punkten, doch die Seeländerin ist bei ihrem U23-Europameistertitel in Bydgoszcz mit 6330 Punkten besser. Eine Woche später revanchiert sich Ruckstuhl, als sie in Grosseto mit 6357 Punkten U20-Vize-Europameisterin wird.
An den Weltmeisterschaften in London erreichen Kariem Hussein und Lea Sprunger den Final über 400 m Hürden: Der Thurgauer wird in 50,07 Achter, die Waadtländerin in 54,59 ausgezeichnete Fünfte. Ein weiterer fünfter Platz geht an die 4×100-m-Frauenstaffel, bestehend aus Ajla Del Ponte (US Ascona), Sarah Atcho (Lausanne-Sports), Mujinga Kambundji und Salomé Kora (LC Brühl St Gallen) – der Schweizer Rekord steht nun bei 42,50 Sekunden!
An den Nachwuchs-Grossanlässen gewinnt Stabhochspringerin Angelica Moser erneut Gold, diesmal an den U23-Europameisterschaften in Bydgoszcz. Auch in der U20-Kategorie resultieren in Grosseto drei EM-Titel: Jason Joseph (LC Therwil) über 110 m Hürden, Delia Sclabas über 3000 m und Yasmin Giger (Amriswil Athletics) über 400 m Hürden. Abseits der Stadien absolviert Julien Wanders (Stade Genève) in Durban ein 10-km-Strassenrennen in 28:13 Minuten. Im Berglauf krönt sich Maude Mathys (CA Riviera) in Kamnik zur Europameisterin und Pascal Egli wird in Premana Vize-Weltmeister.
Highlights2018
In der Hallensaison verblüfft Mujinga Kambundji mit einem Schweizer Rekord über 60 m in Magglingen (7,03) und einer Bronzemedaille an den Hallen-Weltmeisterschaften in Birmingham (7,05). Lea Sprunger ist ebenfalls sehr schnell über 200 m (22,88) und über 400 m (51,28). Die Festspiele der beiden Stars der Schweizer Leichtathletik gehen im Sommer weiter: Mujinga zaubert an den Schweizer Meisterschaften in Zofingen unglaubliche 10,95 m auf die Bahn und Lea ebenso hervorragende 50,52 m beim Résisprint in La Chaux-de-Fonds. Andere Schweizer Rekorde verdienen eine besondere Erwähnung: Jason Josephs 13,39 über 110 m Hürden, Fatim Affessis (CA Genf) 13,49 m im Dreisprung, Nicole Zihlmanns 67,42 m im Hammerwurf, Géraldine Ruckstuhls 6391 Punkte im Siebenkampf sowie die 42,29 Sekunden der 4×100-m-Staffel anlässlich von Athletissima.
An den Europameisterschaften in Berlin triumphiert Lea Sprunger über 400 m Hürden mit einer Zeit von 54,33 Sekunden und kürt sich zur ersten Schweizer (Freiluft-)Europameisterin. Fabienne Schlumpf läuft heldenhaft über die 3000 m Hindernisse und verdient sich in 9:22,29 Minuten Silber. Tadesse Abraham holt ebenfalls Silber im Marathon und Alex Wilson stürmt in 20,04 zu EM-Bronze über 200 m.
Auf der Strasse brilliert Julien Wanders im Februar mit einem U23-Europarekord beim Halbmarathon in Barcelona (1:00:09) und im Dezember mit einem Elite-Europarekord (27:25) in Houilles. Bergläuferin Maude Mathys wird erneut Europameisterin in Skopje sowie Zweite an den Weltmeisterschaften in Canillo.
Highlights 2019
Julien Wanders ist zu Beginn des Jahres 2019 in der Form seines Lebens, und er nutzt diese, um innerhalb einer Woche zwei Fabelzeiten zu erzielen: einen Europarekord im Halbmarathon in 59:13 Minuten in Ras al Khaimah und einen Weltrekord über 5 km in 13:29 in Monaco! In der Halle sichert sich Lea Sprunger in Glasgow den Europameistertitel über 400 m. Zwei weitere Glanzleistungen gibt es zu Beginn des Sommers beim Résisprint in La Chaux-de-Fonds, wo Alex Wilson 10,08 (100 m) und 19,98 (200 m) auf die Bahn trommelt. In Hengelo unterbietet Julien Wanders den Schweizer Rekord über 10 000 m in 27:17,29 Minuten. Der Juli ist auch ein guter Monat für die aufkommende «UBS Kids Cup Generation» mit drei europäischen U23-Titeln in Gävle für Jason Joseph über 110 m Hürden, Angelica Moser im Stabhochsprung und Géraldine Ruckstuhl im Siebenkampf. Drei weitere U20-Europameistertitel in Boras gehen an Simon Wieland (STB) im Speerwurf, Simon Ehammer (TV Teufen) im Zehnkampf und Delia Sclabas über 1500 m.
An den Weltmeisterschaften in Doha, die Anfang Oktober über die Bühne gehen, egalisiert Jason Joseph seinen Schweizer Rekord über 110 m Hürden (13,39). Im Final über 400 m Hürden schafft Lea Sprunger in 54,06 einen hervorragenden Schweizer Rekord; leider verpasst sie das Podium im schnellsten WM-Rennen aller Zeiten um 32 Hundertstel. Nachdem sie an den Schweizer Meisterschaften in Basel über 200 m mit 22,26 Sekunden geglänzt hat, gewinnt Mujinga Kambundji in Doha WM-Bronze mit 22,51 Sekunden. Als Krönung wird die Bernerin Ende Jahr zur Schweizer Sportlerin des Jahres gewählt. Die 4×100-m-Staffel der Frauen brilliert im Final mit einem vierten Platz in 42,18! Abseits der Bahn wird Maude Mathys in Zermatt abermals Europameisterin. Christian Mathys wird Dritter an den Trailrunning-Weltmeisterschaften in Mirando und Julien Wanders rundet eine danteske Saison mit einer Bronzemedaille an den Crosslauf-Europameisterschaften in Lissabon ab.
Highlights 2020
Wie im letzten Jahr zündet Julien Wanders ein Feuerwerk: In Valencia läuft der Genfer in 27:13 Minuten abermals Europarekord über 10 km! Die Hallensaison ermöglicht Pascal Mancini, in Aigle den Schweizer Rekord über 50 m in 5,79 m zu verbessern und Salome Lang, in St. Gallen 1,94 m zu überspringen. Kompliziert wird es am 25. Februar, als in der Schweiz ein Virus namens COVID-19 auftaucht. Die Situation wirkt schnell besorgniserregend, so dass die Behörden am 13. März einen Shutdown aussprechen. Mitte Juni wird die Leichtathletik in der Schweiz zaghaft wieder aufgenommen. Keine der grossen internationalen Meisterschaften findet statt, und nur die besten Athleten können an den Wettkämpfen teilnehmen, die zum Teil ein neuartiges Format haben (Impossible Games in Oslo, Weltklasse Zürich Inspiration Games).
Unter den Spitzenleistungen sind hervorzuheben: Silvan Wickis (BTV Aarau) 10,11 über 100 m in Bulle, Jason Josephs nationalen Rekorde über 110 m Hürden in 13,34 in Bern und 13,29 in Basel, Loïc Gaschs (US Yverdon) 2,30 m im Hochsprung in Aarau und Simon Ehammers 8231 Punkte im Zehnkampf in Langenthal. Bei den Frauen macht Ajla Del Ponte über 100 m einen grossen Leistungssprung; ihre 11,08 Sekunden in Bulle sind vielversprechend. Selina Büchel und Lore Hoffmann (ATHLE.ch) warten in Bellinzona über 800 m mit 1:58:37 und 1:58,50 auf. Fabienne Schlumpf verbessert an den Halbmarathon-Weltmeisterschaften in Gdynia den Schweizer Rekord auf 1:08:36.
Highlights 2021
Gerade als wir dachten, wir hätten die Massnahmen und Einschränkungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie hinter uns gelassen, tritt die Schweiz am 18. Januar erneut in einen Teil-Lockdown. Nur Athleten, die einem Kader angehören, dürfen an Hallenwettbewerben teilnehmen. Einige hochstehende Schweizer Indoor-Rekorde werden ausgelöscht. Verantwortlich dafür: Silvan Wicki mit 6,59 über 60 m, William Jeff Reais (LC Zürich) mit 20,97 über 200 m und Simon Ehammer mit 6092 Punkten im Siebenkampf.
An den Hallen-Europameisterschaften in Torun gewinnen Ajla Del Ponte über 60 m mit 7,03 Sekunden und Angelica Moser im Stabhochsprung mit 4,75 m souverän den Europameistertitel! Auf der Strasse unterstreicht Fabienne Schlumpf ihre gute Form mit zwei Schweizer Rekorden, zuerst in Dresden im Halbmarathon mit 1:08:27 und zwei Wochen später in Belp im Marathon mit 2:26:14 Stunden. Die Wettkämpfe können im Frühjahr in der Schweiz wieder aufgenommen werden – mit einem Vorsprung zugunsten der Kaderathletinnen und Kaderathleten.
Die Saison 2021 entpuppt sich als fabelhaft in jeder Hinsicht! Loïc Gasch glänzt in Lausanne mit einem Schweizer Rekord im Hochsprung von 2,33 m (40 Jahre nach Roland Dalhäuser). Salome Lang schafft dies gleich zweimal mit 1,96 m in Cluj-Napoca und 1,97 m eine Woche später in Langenthal. Dominik Alberto (LC Zürich) egalisiert in Landau den Schweizer Stabhochsprungrekord mit 5,71 m.
Auf internationaler Ebene begeistert der Nachwuchs einmal mehr. An den U23-Europameisterschaften in Tallinn gehen drei Titel an William Jeff Reais über 200 m, Ricky Petrucciani (LC Zürich) über 400 m und Simon Ehammer im Weitsprung. Eine Woche später, an den U20-Europameisterschaften im gleichen Stadion, jubeln Audrey Werro (CA Belfaux/800 m) und Ditaji Kambundji (STB/100 m Hürden) über EM-Gold. An den U20-Weltmeisterschaften in Nairobi schliesslich verdienen sich Valentina Rosamilia (BTV Aarau) über 800 m und Marithé Engondo (Lausanne-Sports) im Hochsprung Silber, während sich Jephté Vogel (FSG Alle/Kugel) und Melissa Gutschmidt (Lausanne-Sports/100 m) jeweils Bronze schnappen.
An den Olympischen Spielen in Tokio, die hinter verschlossenen Türen stattfinden, sind Ajla Del Ponte (10,91) und Mujinga Kambundji (10,95) in den Vorläufen und Halbfinals praktisch auf Augenhöhe mit den besten Sprinterinnen der Welt. Was für ein Bild, diese beiden Schweizerinnen im 100-m-Final des grössten Sportevents zu sehen! Ajla wird Fünfte in 10,97, Mujinga Sechste in 10,99. Mujinga wird zudem Siebte über 200 m in 22,30. Die 4×100-m-Staffel hält mit Riccarda Dietsche (KTV Altstätten), Ajla Del Ponte, Mujinga Kambundji und Salomé Kora, was sie versprochen hat : Schweizer Rekord (42,05) im Vorlauf. Leider erfüllen sich der Medaillentraum des Quartetts nicht, das in 42,08 Rang 4 belegt. Auch die 4×400 m-Staffel verkauft sich teuer: Lea Sprunger, Silke Lemmens (LC Zürich), Rachel Pellaud (FSG Bassecourt) und Yasmin Giger pulverisieren den Schweizer Rekord in 3:25,90 Minuten.
Nach den Spielen fallen in La Chaux-de-Fonds zwei Schweizer Rekorde: Jason Joseph (110 m Hürden) trommelt fantastische 13,12 Sekunden auf die Bahn und Ajla Del Ponte (100 m) nicht minder beeindruckende 10,90. Schliesslich erleben wir die Abschiedstournee von Lea Sprunger – eine der grossen Figuren der Schweizer Leichtathletik – mit 54,51 über 400 m Hürden in Bern und 54,53 in ihrem letzten Rennen der Karriere in Bellinzona.

